URSULA SCHULZ-DORNBURG
Publikation:


AKTUELLE AUSSTELLUNGEN

DAUERAUSSTELLUNG

AUSSTELLUNGEN

AUSGEWÄHLTE WERKE

BIBLIOGRAFIE

PUBLIKATIONEN

KONTAKT





ENGLISH

ANSICHTEN VON PAGAN


URSULA SCHULZ-DORNBURG

"Unser Morgenland war ja nicht nur ein Land und etwas Geographisches, sondern es war die Heimat und Jugend der Seele, es war das Überall und Nirgends, war das Einswerden aller Zeiten."

"Pagan ist ein Dorf mit ungefähr 3000 Bewohnern. Es liegt am östlichen Ufer des Irrawaddy Flußes in der Union in Burma. Vom zweiten bis dreizehnten Jahrhundert war Pagan die Haupt- und Residenzstadt eines Reiches mit gleichem Namen. In nur zwei Jahrhunderten wurden ca. 5000 Sakralbauten errichtet. Die Ära des Tempelbaues begann 1057 und beinhaltete die Religion des Hinayana-Buddhismus, die Pali Schrift und das Mon-Alphabet.
Die aus dem alten Orient kommende Weltanschauung bezieht sich auf den Glauben an den magischen Zusammenhang zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, zwischen Menschenwelt und Weltall, zwischen den Erscheinungen des irdischen Daseins auf der einen Seite, den Weltrichtungen und Gestirnen auf der anderen. Alles ist in einzelne, schicksalsbestimmende Weltrichtungen und Gestirne aufgeteilt.
Alles hat einen bestimmten magischen Ort, innerhalb einer magischen Zeit. Alle Elemente, die Farben, Pflanzen und Tiere, auch die Steine und Metalle sind demnach Körperteile oder Charaktereigenschaften. Alle Lebensvorgänge wie z.B., Geburt und Tod sind auf einzelne, schicksalsbestimmende Weltrichtungen und Gestirne aufgeteilt. Die Menschheit steht unter der Einwirkung kosmischer Kräfte, die Gutes oder Schlechtes bewirken.
Mehr noch als für den einzelnen gilt das nach diesem Glauben für Staat, Stadt. Verbände, Klöster etc. Nur wer mit den Gesetzen des Weltganzen im Einklang steht, kann gedeihen. So wurden in Burma Reich, Hauptstadt, Palast und Kloster als Mikrokosmos gestaltet. Alles wurde kosmischen Naturgesetzen zufolge nach Raum und Zeit in diesen Rahmen eingegliedert. Vielleicht ist der kosmomagische Grundsatz in der Reichsgestaltung und Architektur nirgends so folgerichtig durchgeführt worden wie in Burma." (R. H. Geldern) (Ausschnitte aus dem Fotobuch "Ansichten von Pagan" von Ursula SchuIz-Dornburg und Rudolf Knubel).
Der neugierige Betrachter dieses Buchs blättert zuerst etwas verwirrt-interessiert in matt-grauen Landschaftsbildern, die schemenhaften Reiz ausströmen. Einige wenige Seiten Information über die Geschichte dieses Landes und die kosmomagischen Bedingungen können anregen, sich ausführlicher mit der Thematik zu beschäftigen . Zumindest weist eine ausführliche Literatur-Tabelle weiter.
Der erste Eindruck dieser Schwarzweiß-Fotos mutet seltsam, geheimnisvoll an. Die Grau-in-Grau-Komposition einer rätselhaften Landschaft hat zuerst einen etwas stereotypen und "Suchbildcharakter". Was ist Baum und Strauch und was ist Tempel? Langsam aber ändert sich dieser Eindruck, entscheidet sich der Betrachter dafür, diese Fotos zu "erwandern".


© Ursula Schulz-Dornburg.


Ursula SchuIz-Dornburg, Fotografin und Sozialpädagogin, und Rudolf Knubel, Maler und Bildhauer sowie Lehrer für Designtheorie an der Folkwangschule Essen, haben dieses Morgenland bereist. Neun Tage lang arbeiteten sie von morgens vier Uhr bis zur Dämmerung sozusagen "im Kreis". Sie hatten einen konzeptionellen Plan, den sie dem kosmomagischen Himmelsrichumgsgesetz anpaßten. Kreisförmig wurde die Landschaft umwandert und von verschiedenen Richtungen aus zu verschiedenen Tageszeiten fotografiert. Das war um Weihnachten 1976. Kurz zuvor hatte ein Erdbeben gewütet und ein gespenstisches Ruinenfeld hinterlassen. Diese ungewöhnliche Landschaft der monumentalen Bauwerke läßt Assoziationen frei werden, schaut man die Fotos genauer an. Fast scheint es auf manchen Bildern so, als könnten z.B. Tolkiens Elben oder andere Sagen- und Märchengestalten, die bewußt aus dem realen Leben verdrängt werden, hier leben.
Traumland oder Fata Morgana? Diese Landschaft mutet wie eine "seltsame Erscheinung" an. Dem Besucher, so erzählt Ursula Schulz-Dornburg, ströme eine hermetische Fremdheit entgegen. Dieses Gefühl von Einsamkeit und Fremdheit hat die Fotografin eingefangen und verschiedene Ausdrucksmomente mit ihrer konzeptionellen Fotografie "hineinkomponiert". Mal sind die Fotos visionär, dann verschleiert und verhalten, dann wieder grell und überzeichnet oder matt, fast banal. Das Auspeilen der verschiedenen Lichtverhältnisse und Standorte faszinierte Ursula Schulz-Dornburg. Monumentale Architektur inmitten Licht und Wind zu fotografieren, den Gegensatz zwischen statischer Starre und Bewegungselementen umzusetzen, reizte sie.
Das Ergebnis nennt die Fotografin "distanzierte Landschaftsfotografie". Jedem, dem diese Fotos nicht zu distanziert sind und der anfängt, auf den Fotos zu "wandern", zu suchen, werden diese unüblichen Bilder, die teilweise wie Gemälde von Skulpturen wirken, gefallen.
Jedem Foto ist ein Situationsplan des Aufnahme-Standorts beigegeben, der sowohl die Richtung der Aufnahme als auch die Position des aufgenommenen Objekts im Zusammenhang der Gesamt-Anlage festhält. Von diesen Totalaufnahmen ausgehend, werden die Beziehungen der Architektur und ihrer Funktionen deutlich gemacht. Die Gesetzmäßigkeit der Bildfolge ist für Ursula Schulz-Dornburgs Fotografie charakteristisch.
Sicher ist es eine wichtige, aber für die Fotografin ganz logische Entscheidung gewesen, diese Aufnahmen in einem schwer zugänglichen Morgenland schwarzweiß zu belassen. Dieses Land der buddhistischen Observanz, bisher vom Tourismus ausgespart, hätte auch keine Reklame-Fotos in schwelgenden Farben verdient.


Andrea Brüdern


Artikel: PROFESSIONAL CAMERA, No. 5 1979

© Ursula Schulz-Dornburg