URSULA SCHULZ-DORNBURG
Publikation:


AKTUELLE AUSSTELLUNGEN

DAUERAUSSTELLUNG

AUSSTELLUNGEN

AUSGEWÄHLTE WERKE

BIBLIOGRAFIE

PUBLIKATIONEN

KONTAKT





ENGLISH

Across the territories

 

 

Nomadische Notizen im Hinblick auf die Entwicklung eines geopoetischen Bewusstseins

 

Präambel

Als ich kürzlich von Frankreich nach Spanien reiste, befand ich mich in der Gegend der alten Zollstelle, der Aduana, nicht weit von den Sandbänken von Bidassoa. Die alten Zollgebäude sind noch da, aber, dank des Vertrags über freien Verkehr, den die fünfzehn europäischen Länder unterzeichnet haben, sind sie inzwischen nur noch Spuren.
An solchen Plätzen stellt sich heutzutage ein merkwürdiges Gefühl ein: halb Geisterstadt, halb Ödland. Es ist wie eine Garnisonsstadt, wenn die Garnison sie verlassen hat. Wie wenn man in einem Gasthaus ist am Ende der Saison — ein wenig aus der Zeit geraten.
Schlagartig wurde mir klar, dass diese leere Übergangszone ein sehr gutes Bild war für unsere gegenwärtige kulturelle Situation. Die großen Lastwagen fahren vorbei, neue sozio-ökonomische Räume werden geschaffen. Auch in unserem soziokulturellen Kontext gibt es eine Menge Bewegung und Aktivität, sogar Hyperaktivität. Aber darunter, auf einer tieferen psychischen, intellektuellen und künstlerischen Ebene, ist da nicht eine Leere, eine Hohlheit?
Das Meiste von dem, was wir “Kultur” nennen, besteht schlicht in dem Versuch der Gesellschaft, diese hohle Leere mit Lärm und Bildern zu füllen, überflüssiger Information, infantilen Spielen, Nichtigkeiten oder einer Kunst, die allen Grund verloren hat: eine kleine Erfindung nach der anderen.
Gegenstände zirkulieren, aber eine tiefe Bewegung geschieht nie. Das Subjekt wartet, wie es oft gewartet hat: auf die Wiederkunft Christi, auf die Revolution, die in der Geschichte besungen werden wird... oder auf Godot.
Die Figur, die ich in diesen Notizen den Geopoetik-Nomaden nennen will, gibt sich nicht damit zufrieden zu warten. Er ist draußen, in Bewegung, ohne gleich einzusteigen beim ersten Fahrzeug, das vorbeikommt.
Der Geopoetik-Nomade sucht alle Arten von Grenzen auf, sinniert entlang den Grenzen, leuchtet die Grenzen aus — immer auf der Suche nach gegründetem Raum.
Grenzen sind oft die Narben der Geschichte. Man kann immer auf der Geschichte herumreiten (es ist geradezu eine Industrie), oder ein anderer kann damit beginnen, sich außerhalb der Geschichte zu bewegen, die alten Grenzen mit neuer Einsicht zu sehen, den Raum mit einer neuen Vision ins Auge zu fassen.
Genaugenommen ist eine Grenze ein Bereich, wo Kräfte sich treffen und einander entgegentreten, wo aber auch neue Formen auftauchen. Es ist ein Feld von Möglichkeit. Und Fragen liegen dort in der Luft: was für Strategien ? Was ist zu tun?
Es gibt Zeiten, wo die Frage nach der ”Grenze” — so verschieden von der reinen Verwaltung von Grenzlinien — an der Tagesordnung ist. Man braucht nur an das Römische Reich zu denken mit seinem limes und seinen confinia, seinen extremitates. Und dann auf seinen Untergang zu schauen: die alten Einheiten geraten durcheinander und zerbrechen, die Grenzen geraten ins Fließen und lösen sich auf. So ist es auch mit unserer heutigen Zivilisation. Ein Feld von Möglichkeiten öffnet sich. Es ist eine Frage der politischen Geographie, gewiss, aber auch eine Frage von Kultur und Ästhetik.
Hier und da kann man Anzeichen eines neuen räumlichen Bewusstseins entdecken. Die in Frage stehenden Räume sind historisch, posthistorisch — auch naturgegeben.
Es ist Zeit, höchste Zeit, die Natur wieder in ihren rechtmäßigen Platz einzusetzen. Die Geschichte hat ihren eigenen Gang genommen für allzu lange Zeit. Ich spreche nicht von irgendeinem “Zurück” zur Natur. Ich rate nur zu einigen Schritten zur Seite.
Damit wird Geopolitik zu Geopoetik. Geopolitik basiert auf einem Machtverhältnis zwischen Staaten. Geopoetik hingegen gründet auf der lebendigen (bio-kosmopoetischen) Beziehung zwischen einem menschlichem Wesen und der Erde. Die Grenze verläuft hier nicht zwischen politischen Einheiten, sondern zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem. Das ist die ultimative Grenze.
Dies ist ein schwieriges Gebiet, ein komplexes Feld, wo ein neuer existentieller, philosophischer und ästhetischer Raum gestaltet werden kann.
Ist es nicht ganz offensichtlich so, dass es, auf einer elementaren Ebene, ein Gefühl für Raum ist, was unserer Kultur fehlt? War nicht Kunst in ihrem ursprünglichen Impuls eine Wahrnehmung des Raumes, dann von Körpern, die sich durch den Raum bewegen, dann von Momenten im Verlauf dieser Bewegung? Und ist es nicht etwas von dieser Art, was wir heute wiedergewinnen müssen, statt nur “Kunstobjekte” anzuhäufen, die auf schwachen Konzepten beruhen in einem eingeengten Kontext ohne jede Weite, ohne jegliche umfassende Poetik? Über diese Räumlichkeit als solche hinaus müssten wir doch wohl in der Lage sein, einen spezifischen Raum in den Blick zu bekommen, der weder mythisch, metaphysisch, religiös, psychologisch noch rein technisch wäre: einen Raum in Resonanz mit geopoetischer Tonalität.
Solcher Art waren die Fragen, die ich mir an jenem Tag stellte, im Ödland der Aduana, an der Grenze.
Von daher die Spurensuche, die ich hier unternehmen will, begleitet von den Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg, Aufnahmen von Einsiedeleien entlang der alten Pilgerstraße nach Santiago de Compostela, dem Grenzland zwischen Georgien und Aserbeidschan, einer Reihe von Bushaltestellen in Armenien, einer verlorenen Landschaft in Mesopotamien und von den Forschungsstationen in der Arktis.

1. Pfade von Stein und Licht

Die Pyrenäen waren immer beides, Grenze und Durchgangsort. Von daher auch diese Linie von Grenzposten, die sich über die ganze Breite der Kette erstrecken, von Portus Veneris (Port-Vendres) im Osten bis Puntas Arenas im Westen.
Man erinnere sich nur an den Afrikaner Hannibal, der durch den Perthus hereinkam gegen Rom. Später waren die Grenzgebiete karolingisch: marca hispanica, marca hesperica. Grenzfluktuationen, Grenzwirren, Kaiser gegen Emir, Kreuz im Widerstreit mit dem Halbmond. Fränkische Truppen an der Südfront, sarazenische Truppen an der Nordfront.
Als das Regnum Francorum, das Karolingerreich, zu zerfallen und zu zerbröckeln begann, kam der Nationalismus auf, in Katalonien, in Navarra: ethnische Komplexe, territoriale Identitäten, Seele und Scholle. Eine alte Geschichte. Die alte Geschichte — Geschichte.
Transzendiert nur, wenn überhaupt (Politik und Religion können einander so nahe kommen), von jenen Pilgern, die eine Muschel nach Compostela trugen. Über Pfade von Stein und Licht.
Ich war einst gern und häufig im Ossau-Tal. Ein schmaler Korridor, nur am Grund das Land beackert. Auf den Höhen, oberhalb Laruns, endet die Landwirtschaft. Gezackte Grate, Felsspitzen, ewiger Schnee auf 7000 Fuß. Geröllaufschüttungen von Eiszeitflüssen.
Arudy liegt am Eingang des Tales, wo in einer Höhle Steine gefunden wurden, Kiesel mit eingeritzten Pferden und Rentieren. Wir befinden uns auf transhumanen Spuren und inmitten der ältesten Heiligtümer der Menschheit. An einer Straßenkreuzung ein Dolmen. Weiter drüben ein weiterer, aufgestellt auf einer kleinen Felsplatte zur Sonne blickend. Anderswo Cromlechs, Steinkreise: in den frühen Tagen des Zwanzigsten Jahrhunderts bauten Schafhirten immer noch solche Kreise um ihre Hütten herum.
Diese aufgerichteten Steine konstituieren die erste große Straße aus Stein und Licht, markieren Übergänge ebenso wie Versammlungsorte, weisen hin auf eine Verbindung zwischen Boden und Sonne, Erde und Stern.
Ich denke gern an diese Steine als “atlantische Steine”. Sie haben die Atlantische Küstenlinie über Jahrtausende geprägt und ich habe ihre megalithische Kartographie den ganzen Weg entlang von Portugal bis hinauf zum Schottischen Archipel verfolgt. Aber ich weiß, dass sie weit hinter den Atlantik zurückreichen. Dem Atlantik stehen sie gegenüber, aber ihr Hintergrund ist Anatolien. Von Anatolien ging die Wanderung aus zu den Ländern, die später dann benannt wurden als Italien, Sizilien, Sardinien, Spanien, Frankreich, die armorikanische Halbinsel (wo eine merkwürdige Konzentration zu sein scheint), England, Irland, Schottland, Dänemark, Schweden, Finnland... Die große Steinstraße. Man muss sich große monotone Flächen unkartierten, namenlosen Landes vorstellen, ungeheuere erodierte Hochebenen und postglaziale Strande. Wir befinden uns am Ende der borealen Periode, dem Anfang der archaischen, als atlantisch bezeichneten Zeiten. Plötzliche Nebel, merkwürdiges Leuchten und Blitze — und darüber, weit weg, Mond, Sonne, Sterne: Erscheinen, Verschwinden, Konstellationen. Die Erdoberfläche ist mineralisch, beherrscht von großen Erdblöcken, Überbleibseln von im Dunkeln liegenden Katastrophen, Trümmern von zerborstenem Fels. In einem solchen Kontext kann die Geometrie (ein Punkt, eine Linie, ein Kreis) so etwas wie eine Art Rettung bedeuten, insbesondere wenn man dabei eine Korrespondenz herstellt mit dem, was noch nicht als Kosmos benannt ist.
Es ist eine Welt der Geometrie und der Meteorologie.
Später kommen Geschichten auf: es ist zu hören von versteinerten Armeen, Druidenopfern, allen möglichen Spukgeschichten und kollektiv unbewussten archetypischen Geschichten. All dies ist es, was manche “Dichtung” nennen. Doch die wirkliche Dichtung liegt anderswo: im offenen Raum, im Moment der Migration, der elementaren Notwendigkeit, der ursprünglichen Geste. Es ist um einiges interessanter zu versuchen, hinter den Geschichten zu lesen.
Im Grunde, das wollen wir nicht vergessen, haben wir es mit einer Straße von Stein und Licht zu tun.
Überall in den Bergen und Moorlandschaften begegnen einem auch Steine mit schalenförmigen Vertiefungen. Die Schale oder auch cupula war anfangs wahrscheinlich einfach eine Höhlung im Stein — verwendbar etwa um Tau daraus zu trinken. Später wurden dann einige davon vielleicht vertieft, rituell, religiös, und Opfergaben (von Milch, von Blut) könnten hineingegossen worden sein. Bestimmte Steine wurden auch, vielleicht aufgrund ihrer Gestalt oder Lage — ein erratischer Block weit und breit alleine in der Landschaft — als heilig betrachtet: peyras sacradas. Das ist zum Beispiel der Fall beim Peyre Blanque (weißer Stein) an den Grenzen der Hochfläche von Lannemezan. Solche Steine, die oft in Verbindung mit Donner und Blitz gebracht wurden, wurden dann zu Kult(ur)plätzen. Und dann gab es da auch beschriebene Steine mit Einritzungen, die peyras escritas, auf denen schematische Zeichnungen zusehen sind: konzentrische Kreise, Sonnensymbole. Immer wieder das Thema Licht. Ein altes Lied, das bei Totenwachen gesungen wurd, spricht von der Vereinigung von Sonne und Mond. Hier der Chor: Ech dio que eo dab lui se mardec atav estec — “am Tag, als Sonne und Mond Hochzeit hielten, fand dies statt.” Was? Das Wesentliche.
Mit der Zeit (das ist ein menschlicher, allzumenschlicher Prozess) werden die Dinge personalisiert, werden Charaktere erfunden: Fürsprecher, Vermittler. Unter den Kantabriern, den Basken und Iberern hört man von Abelio, dem Gott des Lichts, von Herauscoritze, dem Gott des Blitzes, von Aherbelste, dem Gott des schwarzen Felsens, von Belenus, dem Sonnengott und seiner Schwester Belisama, die den Mondwagen lenkt, von Asteartia (dem baskischen Namen für den Vollmond), in deren Gesellschaft, wie es in einem höchst missbilligenden kirchlichen Text von 905 heißt, “Frauen über öde Weiten fliegen”. Als das Christentum aufkommt, bringt es den Heiligen Michael mit, den Heiligen Jakob, Johannes den Täufer, Maria Magdalena und die Jungfrau, die an deren Stelle treten. Aber alte Anklänge bleiben, und hinter den Anklängen der fundamentale Grundton. Der Pilgerführer nach Compostela informiert uns, dass die Basken, wenn sie “Gott” sagen wollen, das Wort Ortzi verwenden, was soviel bedeutet wie “das glänzende Ding”, die Sonne.
Wie hinreichend bekannt, wurden die christlichen Kapellen und Einsiedeleien oft auf alten heidnischen Kultplätzen errichtet. Jenseits von allen Ideologien und Vorstellungen sind es immer wieder Stein und Licht die massive Unbewegtheit des Steins (geologisches Zazen), und die Ikonostase des Lichts.
So sehe ich, in die Tiefe gestaffelt, diese merkwürdigen Bilder von Stein und Licht, die Ursula Schulz-Dornburg in den Einsiedeleien von Tobeña Arruba und Juan de Busa in der Provinz von Huesca aufgenommen hat.

2. Übergangsgebiete

In seinem Buch mit Reiseskizzen Durch Russland stellt Maxim Gorki die Wanderer und Vagabunden des Landes vor, die “Nirgendwo-Leute”, hingerissen von der Sucht des Vagabundierens. In sozio-ökonomischen Begriffen sind solche Leute “nutzlos”. Aber auf ihren “Straßen von Tausenden von Meilen” gehen sie in ihrem “Bedürfnis nach Raum” weit über die Grenzen des Gewöhnlichen und Banalen hinaus, gelangen, wenigstens für Augenblicke, in einen Zustand, wo das Sein selbst zum Raum wird, wo die Seele eingeht in die Leere, “wo man nicht länger an sich selbst denkt, sondern im Gegenteil aus der eigenen Persönlichkeit heraustritt und mit ungewöhnlicher Klarheit zu sehen beginnt.”
All diese russischen Wanderer fühlen sich schrittweise hingezogen zum Kaukasus, zu den Gebieten von Georgien, Armenien, Aserbeidschan:
“Wie kommt es, dass Sie zum Kaukasus unterwegs sind?”, lesen wir an einer Stelle von Durch Russland.
“Jedermann ist schließlich auf dem Weg zum Kaukasus.”
Die Bergkette des Kaukasus, die sich zwischen dem Schwarzen Meer und dem Kaspischen Meer erhebt, weist mit ihren felsigen Gipfeln: Elbrus, Kasbek, Uchba mehr als eine Parallele zu den Pyrenäen auf. Mit Ausnahme der Tatsache, dass die Pyrenäen die Grenze zwischen zwei Ländern bilden, während der Kaukasus die Grenze zwischen zwei Kontinenten markiert. Wenn es je einen Ort des Übergangs gab, dann den Kaukasus.
Was die existentiellen Lebensgrundlagen dieser Bergregionen angeht, so muss man an den Nomadismus und die provisorischen Lager der Nogai und der Kalmücken denken, an die Pferdezucht der Kabards, die Hirtenwanderungen der Kurden, die tatarischen Schäfer, die sich Höhlen graben, um sich vor dem beißenden Wind zu schützen, der über die karge Hochebene von Karayaz bläst. Andere Bergvölker, die über Gelände ziehen, das mit Wermut, grauem Beifuß und blauen Ritterspornblüten bedeckt ist, finden Zuflucht in einem ganzen Labyrinth von Höhlen. In Georgien bestanden die Häuser ursprünglich aus einem Loch im Boden oder im Fels mit Mauern aus Stein oder Ziegel, das Dach wurde von einer Lehmschicht gebildet, in der alle möglichen Gräser wachsen konnten, was im Winter für Wärme sorgte und im Sommer für Kühlung. Das Land ist rauh, geprägt von Stürmen und Erdbeben. In der Nähe von Baku gibt es ein Feld von brennendem Gas: den “Feuertempel” (wir befinden uns in der Nachbarschaft von Prometheus und Zoroaster). Über allem das Elbrusgebirge, auf Tatarisch Yal-bouz, “die Eismähne”. Noch lange nach der Christianisierung waren die Krypten der Kirchen bei den Swanen voll von Ziegenhörnern und bei den Khevsuren wurde es als unpassend angesehen, jemanden im Haus sterben zu lassen: man hatte zu sterben im Angesicht der Sonne und der Sterne, der letzte Atemzug sich mischend mit dem Wind.
Mit der Zeit entwickelten sich aus denjenigen, die sich am Anfang selbst vielleicht einfach als gortzi “das Bergvolk” bezeichneten, genau definierte ethnische Gruppen mit genau definierten religiösen Ideologien: Georgier, Armenier, Osseten, Tscherkassen, Tschetschenen, Abchasen, Kabardiner, Lazen... Der Kaukasus wurde zu dem, was der arabische Geograph Abulfeda als den “Berg der Sprachen” bezeichnete. Nach Strabo konnte man auf den Märkten von Kolchis (dem Ingom-Becken) siebzig verschiedene Sprachen hören. Auf dem Markt von Mozdok, im Terek-Land, kam das Bergvolk von Daghestan in Berührung mit den Bauern von Kabarda und den Nogai-Steppennomaden. Solange unter dem religiösen Furnier der alte heidnische Grund, der gemeinsame Grund, der Bezug zum Land, erhalten blieb, solange die üblichen Berggesellschaften, die oft genug im Grund demokratische Gemeinden waren, überlebten, gab es zwar sicherlich auch Konflikte, doch waren diese selten und nur von kurzer Dauer. Christentum (alle Arten von Christentum) und Islam (alle Arten von Islam) existierten nebeneinander.
Und die Bewegung setzte sich fort, zwischen Europa und Asien über den Kaukasus hinweg, zwischen dem Kaukasus und Persien, Anatolien. Seit den frühesten Zeiten waren da die Griechen auf der einen Seite (die Argonauten, an ihrer Spitze Jason, auf der Jagd nachdem Goldenen Flies), und die Mongolen auf der anderen. Danach kamen die Byzantiner, für die der Kaukasus zum Exil wurde (der ins Exil vertriebene Chrisosthomos war auf dem Weg zum Kloster von Pitzunda, als er unterwegs starb), nekrassovtzî Kosaken, Dukhobors (“Geist-kämpfer”), raskolniks, Araber, die vor ihren türkischen Herren davonliefen, schwäbische Kolonisten... Da gab es Pilgerorte: das Vardzia Kloster, das aus dem Fels gehauene “Rosenkastell”, das Kloster von Nakhidjevan (Armenisch “das erste Haus”), angeblich von Noah persönlich erbaut, das Kloster von Chmiadzin, das dreihundertfünfundsechzig alte Manuskripte beherbergte und dessen Glocke eine tibetische Inschrift trug: Om mani padme hum — ”das Juwel ist im Lotos”.
Als das russische Reich die Bühne betrat, wurde aus dem Land des Exils (und gelegentlicher kleinerer Scharmützel) ein Land des totalen Kriegs und der Auslöschung.
Die Hauptfestung Russlands im Kaukasus war Vladikavkaz. Die große Heerstraße zwischen dem europäischen Russland und Tiflis führte hier vorbei. Überall entlang dieser Straße, “der Linie”, waren eine Reihe von kosakischen stanitzas errichtet, strategische Außenposten und Wachtürme. Garnisonsstädte wurden gegründet wie etwa Grosny (“der Bedroher”). In seinen Anfängen, im Jahr 1777, war Stavropol (“die Stadt des Kreuzes”) einfach Nummer 8. Die Stämme organisierten ihre Selbstverteidigung, zum Beispiel die Tschetschenen unter ihren Anführern Daud-Beg, Omar-Khan, Khaz-Mollah und schließlich Chamil (Samuel), dessen verlorene Stellung sich auf dem Berg Gunib befand. Die Muslime sahen in den Russen nur die Christen, und für die Russen waren die Moslems nicht mehr als eine Bande von Räubern und Terroristen. Die ganze Situation wurde, wie so oft in der Geschichte, auf furchtbare, monumentale Weise simplifiziert.
Den Kaukasus wählte Lermontov für seinen Roman Ein Held unserer Zeit (1840). Es ist die Geschichte von Grigorij Aleksandrovic Pecorin, der sich selbst als einen “wandernden Offizier” charakterisiert. Das Buch besteht teils aus kurzen episodischen Geschichten, die Facetten von Pecorins Charakter und Laufbahn enthüllen, teils aus Reisenotizen, in denen das Land selbst höchst gegenwärtig ist. So hören wir etwa, dass beim Durchqueren des Koyshaur-Tals “ein namenloser Gießbach in einer von Nebel erfüllten Schlucht toste” und dass in der Nachbarschaft von Gud-Gora “eine solche Stille herrschte, dass man den Flug einer Mücke am Klang ihres Summens verfolgen konnte, während in der Ferne, Richtung Süden, “die große weiße Gestalt des Elbrus-Gebirges” sich erhebt. Was Grigorij Aleksandrovic Pecorin angeht, so ist gleich zu Beginn die symbolische Befrachtung seines Namens zu registrieren: Gregor, der Illuminator, der christliche Missionar; Aleksandrovic — Alexander der Eroberer; Pecorin — von Pecora, einem Fluss in Nordrussland. Es ist diese letztere Anspielung, die Pecorins Menschenferne anzeigt. Er hat genug gesehen von den Menschen und ist ihrer überdrüssig. (“Wie unsere Vorfahren von Illusion zu Illusion hasteten, so treiben wir gleichgültig von Ungewissheit zu Ungewissheit.”) Was ihm bleibt, ist Reisen.
Und so reist Pecorin. Er bewegt sich durch das menschliche Dasein, hellsichtig, aber keineswegs unerschütterlich, kennt Momente der Ruhe und in der Tat Erleuchtung, nur an bestimmten einsamen Plätzen: “Die Luft ist rein, die Sonne hell, der Himmel blau was wünscht man mehr, was brauchen wir hier Leidenschaften, Verlangen, Bedauern?” Erfolgt seiner Straße, ohne Hoffnung, ohne Ziel, jener “Straße aus Stein”, von der Lermontov in einem Gedicht spricht.
Es ist diese Steinstraße mit ihren erratischen Landschaften und Einsiedlerorten, die ich in den Bildern sehe, die Ursula Schulz-Dornburg entlang der georgisch-aserbaidschanischen Grenze, am Rande der kachetischen Wüste aufgenommen hat.

3. Eine Kunst des Raumes

An diesem Punkt angelangt, wäre es gut möglich, die geographische Linie weiterzuziehen und dem Lauf des Euphrat, der seine Quelle im Kaukasus hat, hinab nach Mesopotamien zu folgen (folgend also, in menschlichen Begriffen, den armenischen Kolonisten ins Euphratland, an der mesopotamischen Grenze des Byzantinischen Reichs); oder den Kaukasus zu verlassen, das Land des Exils, in Richtung eines anderen Exillandes, Sibirien, und von dort weiterzugehen zu den arktischen Forschungsstationen. Es wäre ein Weg, der die innere räumliche Logik der Bilder von Ursula Schulz-Dornburg offenbaren würde. Aber ich denke, wir haben inzwischen genügend Elemente versammelt. Was ich jetzt versuchen möchte, ist: von weiter oben auf die Dinge zu schauen, den Raum beschreiben, der sich während unserer Wanderungen in abstrakteren Begriffen eröffnet hat.
Gelegentlich (vor allem in einer “Einführung in die Geopoesie”, Le Plateau de l'Albatros, Paris 1994) habe ich von dem gesprochen, was ich den “Motorweg des Westens” nenne. Hier ist nicht der Platz, um auf Einzelheiten, oder auch nur summarisch auf den ganzen Motorweg einzugehen. Ich will hier lediglich eine Weile an der letzten Station halt machen — der unseren.
Für Hegel, der wie Thomas von Aquin den Ehrgeiz hatte, eine umfassende Synthese der Weltkultur zustande zu bringen, eine Art Summa Cosmohistorica, indem er dem Weltgeist durch die Jahrhunderte hindurch und über die Kontinente hinweg nachspürte, war die vorherrschende Idee, die höchste Vernunft, nicht mehr im reinen Himmel des Platonischen Idealismus zu finden, sondern in der Bewegung durch die Zeit. Der Fortschritt, groß geschrieben, war geboren.
Das ganze neunzehnte Jahrhundert und noch ein großer Teil des zwanzigsten, lebte entsprechend dieser Sicht der Dinge. Es ist noch gar nicht lange her, dass der Glaube daran vollkommen obsolet geworden ist.
Von daher nur allzu oft, mangels irgend einer anderen großen Konzeption, mangels eines anderen überzeugenden Projekts: ein Zustand der Dinge voll blinder Gewalt, trash-culture, alle Arten von mehr oder weniger flüchtigen Spielen, ein kultureller Kontext, der auf wenig mehr gründet als auf Akkumulation, und eine Kunst, die auf unbrauchbaren Konzepten basiert.
Aber immer noch gibt es, hier und da, Leute, Einzelgänger und Wanderer, Individuen, die über mehr Weitsicht verfügen als andere und über ein offeneres Verständnis der Dinge. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts sahen einige die oben erwähnte Situation kommen. Sie nahmen Abstand und verließen den Motorweg, verfolgten andere Spuren auf der Suche nach neuem Raum.
Wer Abstand nimmt, ist ein Hyperboräer. Wer weggeht, ist ein intellektueller Nomade. Wer sich öffnet, oder zumindest versucht sich zu öffnen, ist ein Geopoet.
Entsprechend dem, was ich oben sagte über den “Helden unserer Zeit”, Pecorin, möchte ich gern zwei Beispiele anführen, um meine Sicht deutlich zu machen: Rimbaud und Nietzsche.
Beide, um Rimbaud zu zitieren, gehen in Streik. Beide sind überkritisch gegenüber dem meisten, was als “Kunst” gilt, wobei Rimbaud erklärt, er ziehe “Erde und Steine” vor. Beide bewegen sich auf schwierigen Pfaden durch die Welt. Beide gelangen sie zu einem Ort, der weitgehend anonym ist, sicher nur schwer zu benennen in üblichen Begriffen. Für Nietzsche ist es die Hochfläche des Engadins in den Alpen, wo er “Stille und Licht” genießt. Für Rimbaud war es zunächst das Überqueren der Alpen “wo es nur Weiß gibt, um darüber nachzudenken”, dann die glühende Wüste von Abessinien, grelle Leere, wild leuchtend.
Die Bahnen dieser beiden Individuen (die tatsächlich aber mehr als Individuen sind) sind exemplarisch, aber stark verkürzt. Da ist ein gewisses Maß an Abweichung in ihrem Irren. Und nur für Augenblicke fanden sie die Sprache (eine “Eremitensprache”, sagt Nietzsche) für den Raum, in den ihre Straßen, Fährten und Pfade sie geführt hatten.
Wie bereits gesagt, ist der neue Raum schwer zu definieren, und es ist gar nicht so einfach, die geopoetische Dimension zu erreichen.
In seinem Reisebuch Bourlinguer (Abenteurer) schreibt Blaise Cendrars über einen der Häfen (Übergangsorte), durch die er kam: ”Wir ankerten am hinteren Ende des Hafens (...) zwischen der Confundulum, einem Lastschiff aus Panama (...) und der Pathless aus Londonderry (...) am Ende eines Quais, der gerade gebaut oder auch abgerissen wurde.” Bau oder Abriss: zwei mögliche Aktionen, wo wenigstens etwas vorangeht. Sicher ist jedenfalls, dass der nomado-geopoetische Raum wesentlich komplexer ist als das Laboratorium der “Dekonstruktion”, die eines der Markenkennzeichen des Endes der Moderne war, die aber lediglich die Orthodoxie gegen eine Sinistrodoxie eintauschte.
Bei der nomado-geopoetischen Kunst liegt Negativität in der Luft, aber es ist etwas “supernihilistisch” Negatives, sozusagen eine Negativität jenseits des Nihilismus. Was das “Draußen” angeht, worauf diese Negativität sich zubewegt, so ist es sehr viel mehr als “open air”, es ist offene Welt. Es ist der Raum, wo der Geist frei ist von überkommenen mythischen oder religiösen Bildern, vorgegebenen metaphysischen Bahnen und psychologischen Blockaden.
Mag sein, dass es da noch einige vage Spuren von Symbolismus gibt (im Text von Cendrars sind Confundulum und Pathless wahrscheinlich durchaus tatsächliche Namen von Schiffen, aber ihre symbolische Bedeutung ist hinreichend evident). Anderswo wird man, wie ein Wasserzeichen im Papier, die Erinnerung an alte Wege erkennen. Doch gibt es für den intellektuellen Nomaden kein Zurück, auch kein Auftürmen von ethnographischen, mytho-historischen Studien, obwohl der Weg nach vorne, nach draußen, aufgeladen sein kann mit Erinnerung; das Denken wird sich im Weitergehen seinen Weg durch die Geschichte hindurch und aus der Geschichte hinaus gebahnt haben.
In seiner Ästhetik sagte Hegel, dass im Zeitalter der Moderne der poetische Geist Mühe haben würde, seinen Weg durch die opake oder triviale Masse sozialer Prosa hindurch zu finden. Der geopoetische Nomade öffnet einen Weg durch das Gelände, bewegt sich durch Gebiete des Übergangs, erneuert alte Pfade auf der Suche nach Welt.
Auf diese Weise habe ich die Bilder von Ursula Schulz-Dornburg gelesen.
Wenn das Wort “Kunst” mit dem Wort “Nomade” verbunden ist, denkt man im ersten Moment an die Objekte, die als Ausstattung in den Behausungen in der Wüste dienten: ganz besonders Teppiche (kleine Kosmogonien) — und die Behausung selbst, Zelt oder Hütte (ein verdichtetes Universum).
Auch hier wieder ist es entscheidend wichtig, all dies außerhalb der Kategorien von Ethnologie und Kunstgeschichte zu sehen.
Es geht darum, das Wesentliche zu aktualisieren.
Die interessanteste Kunst heutzutage begnügt sich nicht länger damit, einfach Objekte anzuhäufen. Sie versucht vielmehr, Raum zu eröffnen. Und das sehe ich bei dieser Initiative des IVAM in Valencia: den Willen, den “neuen Raum” offenzulegen mittels einer neuen nomadischen Kunst, einer Kunst in Bewegung, die den Linien der Welt folgt, von Stein zu Stern.

 

Kenneth White

Aus dem Englischen übersetzt von Angelika Bärmann




Ausstellungskatalog: A través los Territorios / Across the territories / Fotografias / Photographs 1980-2002 / Instituto Valenciano de Arte Moderno / Valencia







© Ursula Schulz-Dornburg