URSULA SCHULZ-DORNBURG
Publikation:


AKTUELLE AUSSTELLUNGEN

DAUERAUSSTELLUNG

AUSSTELLUNGEN

AUSGEWÄHLTE WERKE

BIBLIOGRAFIE

PUBLIKATIONEN

KONTAKT





ENGLISH

Architekturen des Wartens: Brief


Liebe Ursula,

heute morgen finde ich Deinen Katalog auf meinem Schreibtisch. Das kleine Buch ist sehr schön geworden. Es berührt mich, obwohl ich doch fast jedes Bild schon einmal gesehen zu haben meine. Es hat eine traurige Schönheit.
Es ist gut, dass es ein kleines Buch ist. Seine Winzigkeit steigert die in ihm eigene konzentrierte Kraft. Die Bilder werden dadurch immer größer und stärker. Sie treffen wie Nadelstiche unter die Haut. Die meisten Fotobände, denen ich begegne, stoßen mich inzwischen mit der angeberischen Größe des gewählten Formats ab. Es ist, sollte ich durch die Seitengröße, die Dicke des Bandes oder die Länge der Texte zur Wertschätzung überredet werden. An die Stelle der Überzeugung durch die Aufnahmen ist  der Versuch der Überredung getreten. Mir gefällt die Lakonik, die Du gewählt hast – eine schmucklose, schöne Strenge. Bilder, die sich nur auf sich selber verlassen – und auf einen aufmerksamen Beobachter.
Wie wohlangezogen die Menschen auf Deinen Bildern in  diesen sie pompös verhöhnenden Ambientes herumstehen! Sie sehen aus, als brächen sie in eine wunderbare Welt auf, als wäre die schönste Großstadt gleich nebenan. Iimmer suche ich in den Hintergründen Deiner Aufnahmen nach Andeutungen von menschlichen Siedlungen. Aber diese Haltstellen liegen alle auf einem verlassenen Planeten, in einem Kontinent voller unsichtbarer Städte. Wo Haltestellen sind, müssen doch auch Menschen wohnen. Wie hast Du es nur geschafft, diese Haltestellen so zu isolieren?
Alle scheinen im Niemandsland zu stehen.Sie sind durch das seltsam ausgbleichte Licht isoliert, dessen eigentümliches Leuchten alle Deine Bilder verbindet. Sogar auf den Farbaufnahmen der Bahnhöfe in der Wüste ist dieses leere Strahlen. Ein unheimliches, helles Licht. Etwas, was mich erschreckt. Eine Helligkeit, die alles verschlingt, ein Blitz, in dem die Welt verschwindet.
Die dumme pathetische Größe der Haltestellen, als wäre nur das Warten wichtig und nicht auch der Bus, der einen zu einem Ziel bringt. Überhaupt scheint es ja niemands Abfahrtszeiten oder Ortsbezeichnungen an diesen Haltestellen zu geben. Hier wartet man immer. Oder kommt man hier niemals weg? Paläste vollkommener Nichtigkeit. Ein unheimlicher Hohn, der sich einer Phrasenhaftigkeit bedient, die keine Übertreibung scheut. Da sind ja baulich alle Tempel und Palastformen angedeutet, alle Übergrößen und Schutzgesten verwendet. Da ist Witz und Einfallsreichtum, sogar so etwas wie Modernität. Avantgarderuinen. Blödsinniger Fortschritt. Als wären die Haltstellen das Schlachtfeld auf dem die Architekten ihre ansonsten nicht vorhandenen Freiheiten austoben konnten. Funktionalität spielt nie eine Rolle. Material wird immer in Hülle und Fülle verschwendet. Formen dürfen in jeder Hinsicht übertrieben werden. Es ist kaum zu glauben. Lächerliche Schmuckformen.
Eigentlich sehen sie alle so aus, als wären sie eigens für Dich erfunden und rasch gebaut worden, oder vielleicht sogar von Dir erfunden. Ein wahres Architektur-Kabarett. Parodistische Architektur.
Nachträglich erst erkenne ich, dass Du bei den Bahnhöfen, die ja alle eine einzige Form wie einen Baustein wiederholen, die Trostlosigkeit noch einmal gesteigert hast. Bahnhöfe ohne Bahn. Zugstrecken ohne Gleis. Da ist es nur konsequent, wenn auf dem letzten Bild nicht nur das Gleis fehlt, sondern auch der Bahnhof. In gewisser Weise scheinen mir Deine Fotografien auch ganz individuelle Reflexionen über Weg und Ziel zu sein. Oder vielleicht sogar über fehlende Wege und fehlende Ziele. Jedenfalls – und das ist bei Fotografien  selten – tendieren sie zu Bildmetaphern. Sie haben unterschwellig eine symbolische Dimension, die aber durch die Tatsache, dass es sich doch um Fotos handelt, immer wieder dementiert wird. Vielleicht könnte man sagen, alle Bilder tendieren zum Symbolhaften und alle sind Zitate aus der Wirklichkeit. Staubiger, banaler Alltag. Es sieht so aus, als käme man von den Haltestellen, die Du aufgenommen hast nur noch von Nirgendwo nach Nirgendwo. Als wäre der Weg immer nur eine Strecke zwischen zwei Formen von Nichts. Das hat auch etwas von einem Lebensbild.
Fotos sind so oft banal, besonders wenn sie mit aller Kraft versuchen, sich als Kunst aufzuspielen.. Aber vielleicht merkst Du an meinen Bemerkungen, wie hoffnungsvoll es für mich ist, an Deinen Aufnahmen  zu sehen, dass sie Die Kraft haben, vom Leben zu erzählen. Dann beantwortet sich die Frage nach der Kunst von selbst.

Ich grüße Dich herzlich


Jan Thorn-Prikker



Publikation: Kölner Stadtanzeiger, Köln 2006

© Ursula Schulz-Dornburg