URSULA SCHULZ-DORNBURG
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Architekturen des Wartens



Mit dem Eintreffen des jüngsten Buches oder neuesten Kataloges eines Fotografen, gar eines sogenannten Architekturfotografen sind in der Regel keine besonderen Erwartungen verbunden, da die meisten dieser Druckwerke trotz einer nicht selten opulenten Aufmachung kaum Appetit erzeugen, weder den Wissensdurst zu stillen, nach einen Augenschmaus zu bieten vermögen. Oft unentschieden zwischen Stilisierung und Stillosigkeit schwankend, bedienen sie zwar stets allerlei Formen des Zeitgeistes, entbehren aber zugleich jener Ingredienzien, die zum Schmecken und Entdecken einladen, einem letztlich also Kunstgenuß oder Erkenntnisgewinn verheißen.
Und dennoch gab und gibt es immer wieder Überraschungen, bedarf es manchmal nur eines schmalen Bandes, um seine Meinung ein klein wenig korrigieren zu müssen. "Architekturen des Wartens" ist nun ein solcher Fall, was sich bereits an der Wahl des Themas zeigt Haltestellen in Armenien und Bahnhöfe in Saudi-Arabien. Abseits üblicher Stadthausvisualisierungen und der heute so beliebten Nachtaufnahmen von mehr oder minder glänzenden Fassaden, die eher an Strickmuster oder Sturmwellen denken lassen, als Gestalt oder Konstruktion des Gebäudes zu erhellen, veranschaulichen die Bilder von Ursula Schulz-Dornburg folglich das Wesen wie die Vergänglichkeit von Bauten, deren Struktur zunächst ebenso unspektakulär erscheint wie ihr Kontext. Bei etwas genauerer Betrachtung entfalten sie jedoch einen ganz speziellen Reiz, offenbaren sich ihre Qualität wie Originalität und verraten derart nicht wenig von den technischen und politischen Veränderungen, die ihr Aussehen wie das leben der sie aufsuchenden Menschen geprägt haben. Die Stationen der Hejaz-Railway beispielsweise, auf der seit gut 90 Jahren kein Zug mehr verkehrt, wurden 1907 von dem deutschen Ingenieur Heinrich Meissner errichtet und sind inzwischen fast zur Gänze "entkernt", während die ohnehin ziemlich "flüchtigen" Busstops schon seit jeher zwischen Straße und Horizont, Siedlungsrand und Gebirge, Steppe und völligem Nichts liegen und die Spuren ihrer Benutzung daher geradezu exemplarisch vorführen. Und so reflektieren beide "Motive" schweigsame, auf die entscheidenden Elemente reduzierte Situationen, die sich aus einem inneren Raum der Leere und Ruhe entwickeln. Die Bereitschaft zur langsamen, sorgfältigen und nicht zuletzt vorurteilsfreien Annäherung bleibt hier indessen unabdingbar, will man das Außergewöhnliche dieser Orte erspüren. — Und das ist unbedingt empfehlenswert.


Siegfried Löffler



Publikation: [Umrisse] Zeitschrift für Baukultur 5/6, 2004

© Ursula Schulz-Dornburg