URSULA SCHULZ-DORNBURG
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Eine Bildserie der Düsseldorfer Fotografin Ursula Schulz-Dornburg zeigt Zustände grenzenlosen Wartens. Zeitlose Metaphern einer  Zeit, die jegliche Zukunft verloren zu haben scheint.

 

Architekturen des Wartens

Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg


Hat man sie einmal bewusst gesehen, dann wollen sie einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Die Sammlung bizarrer Bus-Haltestellen, die die Düsseldorfer Fotografin Ursula Schulz-Dornburg von Reisen nach Armenien (1997 – 2001) mitgebracht hat, verfügt über eine rätselhafte, ihre Entstehungszeit und ihren Entstehungsort weit überschreitende Kraft.

Es sind Aufnahmen von einer ganz ungewöhnlichen traurigen Schönheit und einer schwer zu benennenden Komik. Über eine dieser Haltestellen allein, würde man vielleicht wie über einen Bildwitz lachen, alle zusammen aber haben sie etwas von Metaphern existentieller Verlorenheit. Die Fotografin hat es verstanden, diese Haltestellen mit gelassener Lakonik in strengen Schwarzweißfotografien im Bild festzuhalten. Sie vertraut der Aussagekraft dieser Architekturen des Wartens und überlässt ihre Bilder ganz und gar den Deutungen der aufmerksamen Beobachter.

Alle Bauten, die sie ins Bild rückt, sind sie vollkommen überproportioniert. Funktionalität spielt nie eine Rolle. Material wird immer in Hülle und Fülle verschwendet. Als hätte es nie einen Mangel an Baumaterialien gegeben und als hätten dem Einfallsreichtum der entwerfenden Architekten alle Türen und Toren offen gestanden, hat man hier nicht mit einer standardisierten Sparversion gearbeitet, sondern keine Kosten und Mühen gescheut, um die Leere mit Denkmälern für die unbekannten Wartenden zu füllen.

Ursula Schulz-Dornburg hat einen lakonischen Bildstil für dieses Sujet gefunden, der das ganze Potential, das im Thema des Wartens liegt, bis zur Neige ausschöpft. Alle Stimmungen zwischen Ruhe, Hoffnung auf einen Aufbruch ins Unbekannte und grenzenloser Leere sind vertreten. Da sind Schirme aus Stahlbeton mit primitiven Hockern, Pilzartige Konstruktionen in allen Variationen von Kreissegmenten. Andere sind zarte Eisenkonstruktionen, die sich wie Zeichnungen aus Draht in den grauen Himmel einschreiben. Dekorationen im Nichts.


© Ursula Schulz-Dornburg.

Es gibt pathetische Anklänge an Beton-Sterne, Konstruktionen mit symmetrischen ausladenden Seiten-Flügeln, als könnte der Aufbruch von hier gar nicht schnell genug und nicht weit genug fort erfolgen. Es gibt skelettartige Bauten mit Andeutungen von fantastischen Nebenräumen und seltsamen Hinterzimmern.

Einige Haltestellen scheinen wie Wellen aus gebogenem Stein über den Wartenden zusammenzuschlagen. Andere sind nur noch leere Gerüste mit bloßen Andeutungen von Wandflächen und Dächern von denen man nicht weiß, ob sie nie fertig gestellt wurden, oder bereits verfallen sind. Leere Schutzgesten, die vor nichts schützen.

Baulich finden sich so ziemlich alle Verweise zwischen Tempel und Burg. Alle Übergrößen und Schutzgesten werden erprobt. Der pompöser Formenreichtum steht in Widerspruch zum schäbigen Bauzustand, in dem sie sich befinden. Fenster sind längst zerbrochen oder wurden gar nicht erst eingebaut, Wände sind von Graffitis und Botschaften an Unbekannte übersät, die hier Stunden ihrer Lebenszeit mit Warten verloren haben. Ortsnamen oder Andeutungen von Fahrplänen mit regelmäßigen An- oder Abfahrzeiten fehlen generell.

Paläste der Leere in der ortlos scheinenden Weite eines Niemandslandes. Wie es der Fotografin gelungen ist, die Haltestellen so aufzunehmen, dass sie immer weit abseits aller menschlichen Behausungen zu liegen scheinen, ist ihr Geheimnis.

Die Menschen auf diesen Bildern sehen aus, als brächen sie von einem verlassenen Planeten in einen Kontinent unsichtbarer Städte auf. Ihre Gesten des Wartens haben eine ruhige Bescheidenheit, die jenseits des leeren Pathos der Bauformen liegt.

Diese beeindruckende Bilderserie von Ursula Schulz-Dornburg hat eine Bildkraft, die zur Metapher tendiert. Alle Aufnahmen sind dokumentarische Fundstücke aus der Wirklichkeit, aber sie scheinen wie Parabeln des Wartens auf neue Zeiten, die nie angebrochen sind. Vielleicht wird man sie einmal als bilanzierende Schlussbilder unter einer Epoche des Staatssozialismus lesen?


Jan Thorn-Prikker



Publikation: Göthe-Institut, Bonn 2006

© Ursula Schulz-Dornburg