URSULA SCHULZ-DORNBURG
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Schilfhäuser. Irak.

 

Es war die älteste Kulturlandschaft der Welt, sechstausend Jahre hindurch nahezu unverändert. Garten Eden, stehende Zeit. Zweistromland, die Wasser von Euphrat und Tigris, die in der Wüste Ackerbau ermöglichten. 1980, zu Beginn des Krieges zwischen Irak und Iran, hat Ursula Schulz-Dornburg die Marsch-Landschaften am Unterlauf des Tigris fotografiert, das amphibische Reich der Ma’dan, eines der ältesten zu jener Zeit noch existierenden Kulturvölker der Erde. Eine Welt aus Wasser, Himmel, Horizont und Schilf.

Auf kleinen Inseln im Wasser, zwischen Schilf und aus Schilf geflochten, stehen die Muhdif, nomadisch leichte Architekturen, bei denen es ungewiß scheint, ob es vorübergehend zur Ruhe gekommene Schiffe sind oder Häuser im Aufbruch. Jederzeit könnte an ihnen weitergeflochten werden, in einem lebendigen Prozeß haben sie Bestand geradezu kraft ihrer Vergänglichkeit. Ihre Schönheit und Kunstfertigkeit ergeben sich unmittelbar aus der Einfachheit und Funktionalität des Bauens als Geflecht. Das Verweilen des Wohnens und seine Vorläufigkeit sind in der Architektur der Muhdif ineinander verschränkt, ebenso wie Vollkommenheit und Provisorium, Abgeschlossenheit und Offenheit. In fünftausend Jahre alte Stelen aus Stein sind diese Schilfbauten schon als Bilder eingraviert. Im sumerischen Gilgamesch-Epos, einem der ältesten Texte der Menschheitsgeschichte, dessen Anfänge bis etwa 2100 Jahre vor unserer Zeitrechnung zurückreichen und das wie die Muhdif durch Jahrtausende hindurch lebendig erhalten wurde, richtet sich ein Gott mit einer Warnung, die er den Menschen nicht direkt mitteilen darf, direkt an das Haus aus Schilf:

„Rohrhaus, Rohrhaus! Wand, Wand! / Rohrhaus, höre, Wand, begreife! / Mann von Schurippak, Sohn Ubar-Tutus! / Reiß ab das Haus, erbau ein Schiff, / Laß fahren Reichtum, dem Leben jag nach! / Besitz gib auf, der Seele erhalt das Leben!“.

Die Geburt der Macht aus dem Geist der Angst. Die Geschichte von Gilgamesch, Herrscher von Uruk, zeichnet das Drama nach, in dem das Wohnen auf der Erde verhandelt wird, den Übergang vom nomadischen Leben zur Seßhaftigkeit. Seine Taten, die Errichtung der mächtigen Stadtmauer, die Rodung des Zedernwaldes, sein Versuch, alles Böse aus dem Land zu tilgen: die klassischen Projekte von Kulturheroen. Sein Antrieb ist das Bewußtsein von seiner Sterblichkeit, denn obwohl zum überwiegenden Teil ein Gott, hat er einen kleinen Anteil auch am Menschlichen, was ausreicht, um ihn sterblich sein zu lassen. Die Todesangst steckt ihm als Stachel im Fleisch und zwingt ihn zur rastlosen Suche nach dem ewigen Leben, das er schließlich auch findet, doch nur um es gleich darauf wieder zu verlieren. „Nicht die Macht korrumpiert den Menschen“, so die burmesische Bürgerrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, „sondern Furcht. Furcht vor dem Verlust der Macht.“ Wer nicht mehr in den selbstverständlichen Rhythmen der Nomaden lebt, der muß die Kontrolle über die Dinge übernehmen. Den packt schließlich die Angst vor dem Verlust der Kontrolle, die Angst vor dem Selbstverlust, die Todesangst.

Verschwundene Landschaft. „Wir Fotografen haben mit Dingen zu tun, die ständig im Verschwinden begriffen sind“, hat Henri Cartier-Bresson konstatiert und damit präzise die zeitliche Grundverfasstheit des fotografischen Prozesses bezeichnet. In den Arbeiten von Ursula Schulz-Dornburg ist das Verschwinden in vielerlei Hinsicht präsent. Dazu zählt im konkreten Fall die Tatsache, daß der Machthaber in Bagdad, Saddam Hussein, die Marschen in nur wenigen Jahren hat trockenlegen und damit ihren Bewohnern, den schiitischen Ma’dan, die Lebensgrundlage entziehen, sie verfolgen, vertreiben, umbringen lassen. Zu unübersichtlich das schwebende Zwischenreich der Schilfwelt für einen Diktator, zu schwer zu kontrollieren die ganz eigenen Gedanken seiner Bewohner über die Dinge des Lebens und des Todes. Verschwunden die Menschen, Tiere und Pflanzen, und wo die Muhdif waren, gibt es heute Autostraßen, militärische Kontrollpunkte, intensive Landwirtschaft, und Häuser wie überall.

Die ausbleibenden Wasser von Euphrat und Tigris, zurückgehalten in den Becken der Staudämme, die im Zuge des türkischen Südostanatolien-Projekts am Oberlauf der Ströme errichtet werden, tun ein übriges zum Desaster. Wo das Wasser endet, beginnt kein Land. Ursula Schulz-Dornburg hat die Marschen schwarzweiß fotografiert, archaisch und klar, und in der leichten Tönung der Abzüge die Bilder zugleich entrückt. Die uralte Kulturlandschaft ist hier als verschwindende präsent. Wer dem Schmerz glaubt, braucht den Finger nicht mehr in die Wunde zu legen. Die Topographien werden gezeigt als im Übergang begriffen, in beginnender Auflösung. Die Linie des Horizonts hebt alle Perspektive auf, teilt den Raum in zwei Bereiche, nichts und beinahe nichts, Himmel und Wasserfläche, die im Spiegelbild ineinander gefaltet werden, eins werden so wie innen und außen. Vom Horizont als  der Grenze her gesehen, die selbst nichts ist, zeigen sich die Orte im Licht ihrer Endlichkeit:

Der Horizont, „Nullinie der Menschheit“ (Ursula Schulz-Dornburg). Der Horizont, „vielleicht die Heimat aller Menschen“ (Eduardo Chillida). „The horizon is more a verb than a noun“ (Lawrence Weiner).

 

Matthias Bärmann

 

 

Auszug: Matthias Bärmann, Living in Transition – Photo Series by Ursula Schulz-Dornburg, in Ausstellungskatalog: Ursula Schulz-Dornburg – A Través de los Territorios / Across the Territories, IVAM (Institut Valenciá d’Art Modern), Valencia 2002, p. 10 – 23







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