URSULA SCHULZ-DORNBURG
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Ewiger Weizen



Der große Bert Brecht verstand nicht die einfachsten
Dinge. Und dachte nach über die schwierigsten, wie
zum Beispiel das Gras. (B.B.)

Orte

Ursula Schulz-Dornburg fotografiert vorwiegend Architektur: Die Sprache der Vorhänge in den Bogengängen am Markusplatz; die ins Meer gerammten Holz- und Eisenkonstruktionen des Piers von Brighton; steinerne Tempel in Burma, ihre Ordnung in der Landschaft und im Kosmos; aus riesigen Schilfbündeln gebaute Schiffe und Häuser in den Sümpfen am Unterlauf des Euphrat; den Sonnenstand und seine Wanderung im Dunkel der romanischen Kirchen auf dem Weg nach Compostela.¹
Ihre Themen haben immer mit besonderen Orten zu tun. Auch die Fotografien der Weizenkörner, aufgenommen aus so nächster Nähe, daІ sie wie Satellitenbilder erotischer Himmelskörper erscheinen, führen uns an bestimmte Orte: Zurück in die Geschichte, nach Uruk im Zweistromland, wo vor 6000 Jahren eines der fotografierten Körner zusammen mit unzähligen anderen in Tonkrügen aufbewahrt wurde. Nach Braunschweig, in die regionale Genbank, wo ausgestorbene Weizenrassen für die Forschung unter polaren Temperaturen gesammelt und in regelmäßigen Zeitabständen neu ausgesät werden. Aus diesen Beständen stammen die Ähren, die als "vegetative Architekturen" fotografiert wurden. Schließlich in das Vavilov-Institut in Sankt Petersburg, wo sich mehr als 50.000 Weizenrassen befinden, wie in einer riesigen Bibliothek gelagert und registriert, nach handwerklichen Methoden, die noch etwas von den Anstrengungen der Expeditionen ahnen lassen, dem bloßen Auge aber auch die Methode der bürokratischen Verschachtelung der Welt zeigen, die im 18. Jahrhundert entwickelt worden war; zunächst aus dem Bedürfnis, den Zusammenhang von Natur und Ethik zu ergründen: Mitten im 18. Jahrhundert sammelt Rousseau Gräser.²

Gräser

Graspflanzen (Graminales) haben in hohem Maße Anteil am Vegetationsgürtel der Erde. Es gibt kein Land ohne Gräser. Der amerikanische Westen, die Pampas und die Savannen werden von Wildgräsern beherrscht; die großen Ebenen Eurasiens, von Ungarn bis Ostsibirien, vornehmlich vom Federgras (Stipa pennata); die Steppen Nordostafrikas von Espartogräsern. In der riesigen Familie der Gräser gibt es ausgesprochene Bewohner warmer Breiten wie Hirse (Panicum) und Federborstengras (Pennisetum); reine Wasserpflanzen wie die Mannaschwaden (Glyceria fluitans); Kosmopoliten wie das Schilf (Phragmites comunis) und in den höchsten Höhen, die Blütenpflanzen überhaupt erreichen können, wachsen der Gletscherhahnenfuß (Ranunculus glacialis) und der Ähren-Goldhafer (Trisetum spicatum).
Auch der größte Teil der Kulturboden der Erde ist mit Graspflanzen bestanden: Getreidefelder (groß wie künstliche Steppen); Reisfelder, Futtergräser auf Wiesen und Weiden. Die wichtigsten Nutzpflanzen unter den Gräsern sind: Weizen (Triticum), Gerste (Hordeum), Hafer (Avena), Mais (Zea), Roggen (Secale), Hirse (Panicum), Reis (Oryza). Die Anfänge des Ackerbaus bestanden im gezielten Sammeln und Aussuchen von Samen, in regelmäßiger Aussat und ständiger Pflege des Anbaus. Das mehlgebende Getreide trennte sich von den Wildstämmen. Die Kulturpflanzen wurden zu Geschöpfen des Menschen, und der Mensch wurde abhängig von ihnen. Diese wechselseitige Entwicklung begann vor etwa 10.000 Jahren in den Gebieten Eurasiens, die Vavilov den "fruchtbaren Halbmond" genannt hat.

Demeter

Demeter ist die Mutter der Erde, die Spenderin der Feldfrüchte, insbesondere des Getreides, eine der ältesten hellenischen Göttinnen, Urheberin fester Wohnsitze und geordneten Lebens. Ihre Tochter Persephone wurde von Hades, dem Gott der Unterwelt, beim Pflücken von Krautern gewaltsam entführt. Aus Trauer und Zorn über diese tödliche Begegnung versagte Demeter der Erde ihre Früchte, bis Zeus sie versöhnte, indem er bestimmte, daß die durch den Genuß von Kernen des Granatapfels dem Hades verfallene Persephone einen Teil des Jahres (Frühling und Sommer) auf die Oberwelt zurückkehren, den anderen Teil, die Wintermonate, während derer die Vegetation erstirbt, im Hades verweilen solle.
Zentrum der Demeterverehrung war Eleusis mit seinen Mysterien, Totenkult und Fruchtbarkeitskult zugleich. Das Universum, in das der Tod eingedrungen war, wird geheilt durch die Möglichkeit einer Rückkehr ins Leben. Im Zyklus von Wiedergeburt und Tod besteht das Geheimnis von Eleusis.3 Das Zeichen der Erlösung war eine Ähre, das auferstandene Korn, das nach dem Mysterium wieder der Wintererde anvertraut wird, wie Persephone dem Hades.
Wer an den Mysterien teilnahm, empfing im Verlauf ekstatischer Zustände und Visionen ein dem rationalen Erkennen nicht zugängliches, verbal kaum zu fassendes Wissen über "das Ende des Lebens sowohl wie seinen gottgeschenkten Anfang" (Pindar). Die psychotropische Wirkung wurde, trotz der engen Verbindung des Kults zu Dionysos, nicht durch Wein, sondern durch einen von Priesterinnen zubereiteten Trank aus Gerste, Minze und Wasser erzielt. Dieser verdankt seine entscheidene Wirkung dem "Mutterkorn", das als Pilzwucherung auf Roggen, Gerste, Weizen und anderen Arten von Gräsern vorkommt. Die von dem Parasit befallenen Körner sind toxisch, rufen Halluzinationen oder auch Krankheiten hervor. Der Volksmund weiß es und nennt die Pflanzen: Tollkorn, Taumellolch, Rauschgras.
Die Ambivalenz der Persephone-Erfahrung wird in einer persischen Dichtung auch Adam zugeschrieben:
"Adam nahm das Weizenkorn und verließ das Paradies. Ich dagegen nahme es und ging erst recht ins Paradies".

Weltmarkt

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden die Weiten Amerikas und Rußlands unter den Pflug genommen. Die europäischen Bauern werden abhängig von Weltmarktpreisen, deren schwankende Bewegungen sie weder kennen noch beeinflussen können. Es entstehen neue Mysterien, Rauschzustände an den Börsen, eine neue Religion. Die Klassiker der Ökonomie entwickeln ihre Wissenschaft weitgehend in der Diskussion über Kornpreise und Freihandel. Eine nie gekannte Art von Agrarkrisen taucht auf: chronische Überproduktion begleitet von Preisverfall, Arbeitslosigkeit, künstlicher Vernichtung der Ernte, Hunger. Fürchterlicher als Naturkatastrophen wirken die Märkte. Der Weizenblüte folgt ein Bauernsterben ohne Auferstehung. In Europa kaufen die Bauern und kleinen Leute billige Öldrucke mit Christus im Kornfeld, während in Amerika die großen Prärien in eine Weizenfabrik verwandelt werden. In Rußland lehrt Tolstoi, in Indien Gandhi die Selbstgenügsamkeit. In Amerika dreht D. W. Griffith "A corner in wheat", 1909, einen der bedeutendsten Filme dieses Jahrhunderts, in dem er das Unfaßbare des Zusammenhangs von bäuerlicher Arbeit, Spekulation und Hunger zeigt.⁴ Mehr als jede industrielle Krise bereitet in Mittel- und Südeuropa die Krise der Landwirtschaft den Boden für den Faschismus und Nationalsozialismus.⁵ In Amerika wird die Schwarzerde der von Viehherden zerstampften und von mächtigen Traktoren umgepflügten Prärie durch Zerstörung der Grasnarbe zu Staub. In den dreißiger Jahren, während der großen Depression, kommt es zu einem "Amoklauf der Erde" in Gestalt riesiger Staubstürme, die im März 1935 "die halbe Weizenernte von Kansas, ein Viertel derjenigen von Oklahoma und die gesamte Ernte von Nebraska" zerstören und an einem tag zwei Millionen Hektar vernichten.⁶
Walker Evans hat die Farmer, die ohnmächtigen Opfer der sozialen Katastrophen und der ihnen zugrunde liegenden Ideologie fotografiert: Gesichter, Häuser, Utensilien der Nachkommen der landhungrigen Pioniere, die ausgezogen waren, um im Namen der Freiheit und des Eigentums die Plains zu erschließen, wo sie grandios wie nirgendwo sonst den Traum des weißen Mannes träumen wollten, den Traum des die Erde beherrschenden, autonomen Menschen.

Bericht

Die von Ursula Schulz-Dornburg aufgenommenen Weizenähren erzählen einen anderen Aspekt dieser Geschichte. Mit der Entwicklung der Landwirtschaft hat der Mensch durch Auslese und Züchtung eine Explosion genetischer Vielfalt verursacht. Und die barbarischen Wildgräser sind immer wieder in die Kulturen eingefallen und haben Rückfälle bewirkt, aber auch die Entwicklung bereichert. Jede lokale Sorte – und es gibt bei den ältesten Kulturpflanzen wie Weizen, Mais oder Reis bis zu hunderttausend – ist Ergebnis der besonderen Boden- und Klimaverhältnisse, der kulturellen Praktiken, der nachbarschaftlichen Vegetation, der Schädlinge und Krankheiten.⁷ Die wissenschaftliche Züchtung des 20. Jahrhunderts hat diese Sorten reduziert und standardisiert und die traditionellen Populationen mit ihrer Vielfalt an Individuen vernichtet. Die Bilder zeigen es: Der pralle, disziplinierte und leistungsorientierte Hybridweizen hebt sich deutlich ab von den abenteuerlichen, lebendigen Gestalten und Charakteren der primitiveren Sorten. In diesem Gegensatz zeigt sich ästhetisch jener immer tiefer werdende Widerspruch, der darin besteht, daß die Wissenschaftler mit Aufwand und Eifer die Vielfalt der Kultur- und der Wildpflanzen erforschen und sammeln, während die Verwertung der dabei gewonnenen Erkenntnisse dieser Vielfalt den Boden entzieht.⁸ Persephone wird wieder geraubt und die Gen-Banken werden zum Hades: Herrscher der Unterwelt und des Reichtums. Es war Helios, der der verzweifelten Demeter vom Schicksal ihrer Tochter berichtete. Die Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg sind ein Bericht dieser Art.


Peter Kammerer, Juli 1995


¹ U. Schulz-Dornburg und Katharina Sattler:
Vorhänge am Markusplatz in Venedig, Köln 1974;
Dieselben:
Palace Pier Brighton, Köln 1976;
U. Schulz-Dornburg und Franz Rudolf Knubel:
Ansichten von Pagan, Burma, Köln 1978;
Dieselben:
Der Tigris des alten Mesopotamien, Irak 1980, Kestner Gesellschaft, Hannover 1981;
U. Schulz-Dornburg:
Sonnenstand, Mit einem Text von D. Kamper, Galerie Wittrock, DuMont Buchverlag, Düsseldorf-Köln 1992

² Michel Foucault:
Die Ordnung der Dinge, Frankfurt 1971, S. 166

³ R. G. Wasson, A. Hofmann, C. A. P. Ruck: Der Weg nach Eleusis, Frankfurt 1984, S. 6l ff.

⁴ Helmut Färber:
A Corner in Wheat. Eine Kritik, München-Paris 1992, Eigenverlag

⁵ Karl Polanyi:
The great Transformation, Frankfurt 1978

⁶ Donald Worster:
"Dust Bowl". Dürre und Winderosion im amerikanischen Südwesten. in Rolf Peter Sieferle (Hrsg.): Fortschritte der Naturzerstörung, Frankfurt 1988, S. 126

⁷ Silvio Bartolami:
Für wen die Saat aufgeht. Pflanzenzucht im Dienste der Konzerne, 7-Verlag, Basel 1981

⁸ Cary Fowler & Pat Mooney:
Unser landwirtschaftliches Erbe, Rede zur Verleihung des Right Livelihood-Preises, Schweden 1985




Ausstellungskatalog: Ewiger Weizen, Deutsches Brotmuseum Ulm, 1995







© Ursula Schulz-Dornburg