URSULA SCHULZ-DORNBURG
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Heroische Erinnerungen

 

 

“Das immer Weniger der Kunst”⁸, Arbeit an der Linie des Horizonts, Grenzgänge wo Wasser und Himmel eins werden und die Inseln im Stromland des Tigris und Euphrat zu schweben beginnen. Kein Meer und kein Land, verbotenes Gebiet, IRAK 1980. Die Wurzel von Adams Haus, das widerständige Schilf überdauert die Wolkenkratzer. Doch Satellitenbilder heute zeigen, wie weit das Werk der Austrocknung fortgeschritten ist: die Wut der Eindeutigkeit gegen das Ärgernis der Sümpfe. Sicherer Boden für die Sintflut.

Die Erinnerungslandschaften 2000-2001. Männer fliegen im Zeppelin über den Nordpol: “30 Stunden unausgesetzt gegen starken Wind ankämpfend, im Nebel, ohne auch nur einmal Sonne oder Himmel zu Gesicht zu bekommen”⁹. Blind, aber laut Angabe der Instrumente über dem Pol, “wurden das mitgeführte Kreuz des Papstes und die italienische Nationalflagge abgeworfen, während Troiani eine Flasche Eiercognak entkorkte. Das Grammophon spielte die faschistische Hymne”¹⁰. Absturz, Suche nach Boden unter den Füßen. Biwak auf einer riesigen, driftenden Eisscholle. Ein Rettungsflugzeug zerschellt. Warten. “Alle übrigen Holzteile des Apparates waren schon verfeuert worden und von dem ehemaligen Flugzeug Lundborgs war nur noch ein trauriges, zerfetztes Gerippe übriggeblieben”¹¹. Durchbruch des sowjetischen Eisbrechers “Krasin”, die Hoffnung Gramscis im Gefängnis von Turi (Apulien)¹². Kindheitserinnerung an Flaggen, ausgelegt zur Rettung: das rote Kreuz im Schnee, 1945. Wetterstation mit Schlitten. Transportmaschine und Mannschaft unter der Roten Fahne, gerammt ins Treibeis. Der Raum des Sozialismus: “die traumlose Kälte des Eises”¹³. Sichergestellt der Horizont unterm Schaukasten im Museum der Erforschung des Nordens.
Zurück in die Katakomben. Konstruktion einer Dunkelheit, deren Spaltung Licht sichtbar macht.

Sonnenstand 1991/1992, Arbeit an der kosmischen Ortsbestimmung. Grammatik einer Scharte, Entzifferung der Auferstehung. Der Jakobsweg, die Narbe, die Derwische und Gralssucher teilen. Oder das vordere Asien der ältesten Christen, fern von Rom, Höhlen syrischer Mönche, 15 Km. entlang der georgisch-aserbaidschanischen Grenze. Crenzlandschaften 1998-2000, bis 1995 Manövergebiet, Granaten und Erdbeben als Hebammen, aufgerissene Bergwände durch die das Licht strömt, Gekritzel russischer Soldaten, Geburtslandschaft von Mythen. Abstieg in die Unterwelt, Rolltreppen in Petersburg, Ewiger Weizen in den Safes der Banken. Die Kahlheit der Transit Sites 1997/2001, an der Straße in den Iran, 40 Km. hinter Erivan, im April. Erst im Würgegriff der Türken, dann Stalins, die Agonie der überflüssigen Völker. Leute stehen und warten. Die Haltestellen aus Eisen und Beton sind Breschnews Versprechen. Die Frauen pflegen sich. Eurydike sagt: “Wenn sie mich fotografieren wollen, ziehe ich bessere Schuhe an.” Leben im Container auf der hauchdünnen Erdrinde. Irgendwo eine Rebe. Glücksfälle. Und in allen Fotos die unsichtbare Schrift: “Wie lange hält uns die Erde aus und was werden wir die Freiheit nennen?”¹⁴ Je mehr wir fragen, desto rätselhafter werden die Bilder.

 

Peter Kammerer

 

 

⁸ Jean Marie Sträub über Cézanne, Interview vom 27. November 1989

⁹ Prof. R. Samoilowitsch: S-O-S in der Arktis. Die Rettungsexpedition des Krasin, Berlin o.J., S. 232

¹⁰op.cit, S. 231

¹¹ op.cit

¹² Brief Togliattis an Bucharin vom 13. Juli 1928 und Tanja Schucht an Gramscivom 25. Juli 1928

¹³ Heiner Müller, Aiax zum Beispiel

¹⁴ Volker Braun, Nach dem Massaker der Illusionen




Ausstellungskatalog: A través los Territorios / Across the territories / Fotografias / Photographs 1980-2002 / Instituto Valenciano de Arte Moderno / Valencia







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