URSULA SCHULZ-DORNBURG
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Hütten Tempel Paläste

Lakonische Kommentare über Architektur


Mit dieser hier vorgestellten Arbeit legen Franz Rudolf Knubel und Ursula Schulz-Dornburg den Bericht über eine photographische Expedition im Jahr 1980 in das Gebiet der alten Ströme Euphrat und Tigris vor. Vorausgegangen war eine Reise nach Burma, die die Verfasser 1978 unternommen hatten – das photographische Ergebnis ist in Buchform vorhanden. Aus der Zusammenarbeit zwischen der Architektin Katharina Sattler und Ursula Schulz-Dornburg entstanden 1974 und 1976 zwei Publikationen: über den Palace Pier in Brighton und über die Vorhänge am Markusplatz in Venedig*.

Die Verfasser haben, und das verbindet diese zwischen 1973 und 1980 entstandenen Arbeiten zum ersten, immer "Architektur" im Auge. Mit einer Arbeitsmethode, die so sanft wie beharrlich und präzise ist, nähern sie sich dem Gegenstand, den Häusern der Menschen; den Schilfhütten im und am Tigris, den vom Untergang bedrohten Tempeln im Bezirk von Pagan in Burma, dem orientalischen Palast im Meer vor der Küste von Brighton, den Vorhängen am venezianischen Markusplatz.

Die Verfasser haben, und das verbindet diese Kommentare über Architektur zum zweiten, einen dem Gegenstand genau angemessenen Arbeitsstil gefunden. Die Photographien sind in allen Arbeiten mit Rissen (Vorhänge am Markusplatz; Palace Pier) beziehungsweise mit Plänen verbunden (Ansichten von Pagan, Burma; Der Tigris des alten Mesopotamien). So wie die Risse die jeweils photographierte Detailansicht im Zusammenhang mit der Totalen vorführen, so orientieren die Pläne über die für die photographische Arbeit ausgewählten Standorte wie auch über die daraus entwickelten Perspektiven.

Franz Rudolf Knubels und Ursula Schulz-Dornburgs Arbeiten über den Tigris und über Pagan wie auch die Bücher, die Ursula Schulz-Dornburg zusammen mit Katharina Sattler verfaßt hat, kommen, abgesehen von kurzen Angaben zu Reiserouten, Legenden, Klappentexten und biographischen beziehungsweise lexikalischen Angaben (Pagan), ohne Texte aus. Das photographische Bild wird durch Grundriß oder Aufriß, durch die Pläne kommentiert – die Autoren lassen die Ansichten für sich sprechen. Dieses uneitle Verfahren, das präzise Arbeit voraussetzt und eine Mentalität, die sich am Gegenstand zu orientieren vermag, gewinnt dadurch künstlerische Züge. Es entsteht so eine unverwechselbare Qualität – der lakonische Stil dieser Arbeiten.

Die hier vorgestellten Schilfhütten und Schilfhausboote werden im Kontext der mesopotamischen Flußlandschaft gezeigt, wo sie seit den Tagen Babylons den dort lebenden Menschen Schutz geben. Die Photographien zeigen, wie zwischen den Gewässern des alten Tigris und den heiІen, hohen Himmeln dieser Stromlandschaft das Haus als Fundament menschlicher Existenz steht – gebaut aus dem verfügbaren Material des Schilfs und des Lehms.

Das Haus als elementares Fundament menschlicher Existenz haben in diesen Jahren zeitgenössische Künstler zum Gegenstand wichtiger Arbeiten gemacht. Die Reihe ist lang und geht von Mattas Entwürfen über Dubuffet zu Walter Pichler, Charles Simonds, Jud Fine und Nikolaus Lang. In den Planzeichnungen Pichlers, in den Hütten, die er für seine Skulpturen in St. Martin im Burgenland erbaut hat, in Nikolaus Langs Rekonstruktionen bäuerlicher Existenz ist eine Kenntnis elementarer Zusammenhänge zwischen Architektur und menschlicher Existenz aufgehoben und abrufbar, die in den Jahren, in denen die europäischen Städte wiederaufgebaut wurden, auf barbarische und verhängnisvolle Weise vergessen, verdrängt oder unterdrückt wurden. In der nun endlich weithin diskutierten Krise der zeitgenössischen Architektur sind Erkenntnisse, wie wir sie aus diesen Arbeiten wie auch den rekonstruktiven Anstrengungen von Künstlern dieser Jahre ziehen können, möglicherweise von hohem Wert: Wir können sie als Mahnung verstehen, die Situation der zeitgenössischen Architektur von neuem, von Anfang zu überdenken. Die philosophisch-historische Auseinandersetzung mit den an Architektur gebundenen Grundkonditionen menschlicher Existenz, also auch mit der Urhütte, mir dem Haus Adams (Joseph Rykwerts Buch "On Adam's House in Paradise. The Idea of the Primitive Hut in Architectural History", New York 1971, gibt einen brillanten Überblick) ist seit den Tagen der von Architekten geschriebenen Traktate des 15. und 16. Jahrhunderts nie von den Architekten aus der Hand gegeben worden – erst das 20. Jahrhundert macht hier eine, offensichtlich verhängnisvolle, Ausnahme.

Der hier vorliegende, so nüchterne wie präzise Bericht einer Reise zu den Hütten des alten Zweistromlandes ist nach Bernard Rudofskys Buch "The prodigious Builders" von 1977 über anonyme Architektur und den Publikationen des Shelter Instituts eine kleine, aber gehaltvolle Lektion. Möge die darin enthaltene Botschaft gehört und verstanden werden.



Carl Haenlein


* Katharina Sattler und Ursula Schulz-Dornburg (Photos), Vorhänge am Markusplatz in Venedig (5. bis 9. Mai 1973), Köln 1974
Katharina Sattler und Ursula Schulz-Dornburg (Photos), Palace Pier Brighton (England), Köln 1976
Franz Rudolf Knubel und Ursula Schulz-Dornburg, Ansichten von Pagan, Burma, Köln 1978



Ausstellungskatalog: Der Tigris des alten Mesopotamien, Irak 1980; Kestner-Gesellschaft Hannover, 1981



© Ursula Schulz-Dornburg.



© Ursula Schulz-Dornburg