URSULA SCHULZ-DORNBURG
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Immobilmachung: Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg

 

Warteraume werden uns in jenem Maße bedeutsam, in dem uns die Mobilität zu transitorischen Lebewesen umerzieht. Zunehmend sind wir in Bewegung: mit Bus, Bahn oder Flugzeug. Wir sind Pendler, Geschäftsreisende oder Fernliebende. Wir bereisen Städte, Länder oder Kontinente. Eine ungeheure Dynamik ist in die globalistische Gesellschaft gefahren. Doch steht dieser Dynamik auch eine ganz besondere Form der Statik gegenüber, und gerade das Mobile bringt – paradoxerweise – eine ganz besondere Form der Immobilie hervor.

Damit sind jene denkwürdigen Zwischenzeit-Räume gemeint, die wir uns erst errichten müssen, um die wahren Raume bequem durcheilen zu können. Es sind die Orte des Ein-, Aus- und Umsteigens, die des Abreisens, Ankommens oder Wartens: also Bushauschen, Bahnsteige oder Flughafenterminals. Architekturen sind das, die das Verharren in der Bewegung thematisieren. Das neue Warten soll darin als Erleben, ja als Leben selbst inszeniert werden. So entstehen Terminals, die von Supermarkten kaum zu unterscheiden sind. Und Bahnhofe, die sich als Kinos oder Konferenzzentren entpuppen. Das neue Warten dient dem Dasein und der Erfüllung. Das alte Warten diente dem Anderswoseinwollen und der Sehnsucht.

„I’m waiting, not waiting. I’m there.“

Diese Worte stammen von dem amerikanischen Dichter Robert Lax, sie sind der denkwürdigen Berliner Foto-Ausstellung ,,Architekturen des Wartens" – noch bis zum 12.12. in der Galerie Aedes zu sehen – sowie dem gleichnamigen Büchlein vorangestellt (Ursula Schulz-Dornburg: Architekturen des Wartens. Fotografien. Aedes, Berlin 2004. 40 Seiten, 10 Euro). Zu sehen sind darin die großartigen, gespenstisch innerlichen und zugleich sich wie auf einer Bühne expressiv darbietenden Bushaltestellen oder Bahnhöfe, die Ursula Schulz-Dornburg in Armenien und Saudi-Arabien fotografiert hat. Die Bushaltestellen, „Monumente des Durchhaltens am Rand, im Niemandsland“ (Matthias Bärmann), stammen aus den siebziger- oder achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sie säumen die Strecken von Erevan bis Armavir (unser Bild) oder von Hoktemberian bis Baghramian. Und die Bahnstationen reihen sich entlang der ehemals 1300 Kilometer langen „Hejaz Bahn“, die vor einhundert Jahren Damaskus mit Medina verbunden hat. Beduinenstamme, unterstutzt von T. E Lawrence, dem „Lawrence von Arabien“, zerstörten die Bahnlinie 1917. Übrig geblieben sind nur die einsamen, scheinbar nutzlosen Bahnhöfe.


© Ursula Schulz-Dornburg.

Wie selbstgenügsame Inseln im Fluss der Zeit wirken die Warteraume in Armenien und Saudi-Arabien: stoisch, gelassen, unheimlich – wartend. Ihren seltenen Bewohnern auf Zeit geben sie kaum Schutz, wohl aber etwas Kraftvolles, etwas Ungerührtes, etwas durch und durch Unbewegtes. Das ist das eigentlich Schone an diesen Bildern und Orten: Das Warten ist darin etwas, das der Ewigkeit mehr zu gehören scheint als der Beweglichkeit.



Gerhard Matzig


Suddeutsche Zeitung Nr.278. Dienstag, 30. November 2004. Seite 16

© Ursula Schulz-Dornburg