URSULA SCHULZ-DORNBURG
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ORTE VERSUS RÄUME

Orte überleben heute oft nurmehr in Bildern, die von ihrer Existenz zeugen und sie der Erinnerung überweisen. Der Ortsbegriff kommt uns zunehmend abhanden, seit Orte, die früher Dauer repräsentierten, diese Dauer verloren haben und ihre Grenzen gegenüber offenen Räumen nicht mehr verteidigen können. Viele Orte existieren für uns, wie früher nur die Orte der Vergangenheit, allein als Bilder. Man hat sich immer von Orten ein Bild gemacht und sie als Bild erinnert, aber das setzte voraus, dass man an ihnen gewesen war oder in einer anderen Zeit an ihnen gelebt hatte. Da wir viele Orte nur noch im Bild kennen, haben sie dort eine Präsenz anderer Art gewonnen. Damit verschiebt sich die Relation von Bild und Ort. Statt Bilder an bestimmten Orten zu besuchen, besuchen wir heute lieber Orte im Bild. Das gilt auch für die zeitgenössische Photographie. Einer Ausstellung französischer Photographen gab H. von Amelunxen den Titel "Les lieux du Non-Lieu". Die photographischen Bilder wurden dabei zu "Orten des Ortlosen". Nachdem die Orte in der Welt verloren gehen, ziehen sie sich in Bilder zurück, die ihnen noch einmal einen alternativen Status als Ort geben. Manchmal, wie in den Photographien von Ursula Schulz-Dornburg, sind Orte nur als Haltestellen, an denen Leute warten, im offenen Raum ausgewiesen.

Ein Ort stiftete nach altem Verständnis das Sinnprinzip für seine Bewohner. Seine Identität lebte von der Geschichte, die an diesem Ort stattgefunden hatte. Orte verfügten über ein geschlossenes System von Zeichen, Handlungen und Bildern, zu dem nur die Ortsansässigen den Schlüssel besaßen, während die Fremden nur Besucher sein konnten. So waren Orte geradezu synonym mit Kulturen. Die Feldarbeit der Ethnologen, die "vor Ort" geschah, galt einem Ort, der sich in seinem Zeichensystem von anderen Orten unterschied. So beschreibt ihn Marc Augé in seinem Essay "Orte und Nicht-Orte", in dem er diesen Ortsbegriff auch für die Ethnologen verabschiedet. In der fortgeschrittenen Moderne, die der Autor "surmodernité" nennt, hätten die Räume des Transit die alte Geographie fester Orte abgelöst. Räume der Kommunikation ersetzten die geographischen Räume von einst. Das Verkehrssystem der neuen Räume, so Auge, kulminiert im Nachrichtensystem der weltweiten Netze.

Die geschlossenen Orte von einst werden fragmentiert oder so unterwandert, dass sie nicht mehr von anderen Orten unterscheidbar sind, es sei denn als Metapher. Oder sie überleben nur in Bildern, denen die realen Orte nicht mehr entsprechen. Ähnliches geschieht den lokalen Kulturen, die man nicht mehr an ihrem angestammten Ort antreffen kann. Aber Orte verschwinden nicht spurlos, sondern hinterlassen Spuren in einem mehrschichtigen Palimpsest, in dem sich alte und neue Vorstellungen eingenistet und abgelagert haben. Orte waren ihrem ältesten Verständnis nach Orte der Erinnerung (lieux de mémoire), wie sie Pierre Nora nannte. Aber heute werden sie eher zu Orten in der Erinnerung. Die globalen Medien haben einen Wandel im Ortsverständnis bewirkt. Der Ortsbegriff löst sich dabei vom physischen Standort ab, wie J. Meyrowitz die Dinge beschreibt. Informationen und Erfahrungen werden von einem Ort zu jedem anderen Ort transportiert, bis das Hier und Jetzt in der Nivellierung verschwindet. Wir leben "in einem Informationssystem statt an bestimmten Orten." Langsam amalgamieren sich die Erfahrungen, die wir von Orten haben, mit solchen, die wir an Bildern machen. Statt dass wir sie körperlich aufsuchen, kommen die Orte in Bildern zu uns. Die bildhafte Präsenz abwesender Orte ist eine alte anthropologische Erfahrung. Allerdings schichtet sich das Verhältnis von imaginären und realen Orten um. Je mehr sie sich in imaginäre Größen verwandeln, desto mehr besetzen die Orte die Bilder, die wir in unseren eigenen Körpern produzieren.

Doch lässt sich das einst und jetzt weder im Falle der Bilder noch im Falle der Orte in einem absoluten Gegensatz vorstellen: sonst wäre auch der anthropologische Ansatz sinnlos. Vielmehr sehen die Dinge schon in unserer Alltagserfahrung komplexer aus. Mögen wir auch einen realen Ort bewohnen oder besuchen, so sehen wir ihn mit anderen Augen (man könnte auch von inneren Augen sprechen) an, wenn wir ihn aus einer anderen Zeit erinnern. Es kommt sogar vor, dass wir am Ort selbst nach jenem Ort suchen gehen, der er einmal war. Derselbe Ort wird von verschiedenen Generationen oder von Fremden mit verschiedenen Augen betrachtet. Es bedarf nicht einmal einer physischen Änderung in seinem Erscheinungsbild, um den Ort für uns zu verändern, wenn wir ihn nach längerer Abwesenheit Wiedersehen. Dabei hat er sich für uns in ein Bild verwandelt, an dem wir seinen aktuellen Zustand messen. Die Verschiebung zwischen Ort und Bild, zwischen Wahrnehmung und Erinnerung gehört zu den Bedingungen jeder echten Ortserfahrung.

In unserem Leben spielen die Orte der gemeinsamen Geschichte "dieselbe Rolle wie Zitate in geschriebenen Texten". Aber Zitate brauchen einen Leser oder Hörer, der sie noch versteht und erinnert. Für M. Augé ist nur noch der Einzelne fähig, in der neuen Welt der offenen Räume die alte Welt der Orte zu erinnern. Die Welt verwandelt sich in Bilder, die sich nur noch für den Einzelnen zusammenfügen. Im "globalen Dorf" treffen wir auf Bewohner, die als Reisende und "Übersetzer" von Traditionen zugleich Partisanen lokaler Erinnerungen sind, die sonst sich im Leeren verlieren würden.

Michel Foucault hat in einem kurzen Essay seine Forschungen zu Orten und Räumen zusammengefasst. In der Geschichte des Raumes sieht er die Bedeutung wechseln, die feste Orte in offenen Räumen besaßen, indem sie diese Räume entweder besetzten oder ausgrenzten. Unsere Terminologie versagt rasch bei der sauberen Trennung von Orten und Räumen. So sprechen wir von öffentlichem und von privatem Raum trotz der Erfahrung, dass beides an Orte (also z.B. an die eigene Wohnung) gebunden ist. Räume haben es überdies in sich, dass sie heterogen und diskontinuierlich organisiert sind. Foucault spricht in diesem Zusammenhang von "Heterotopien", worunter er Orte versteht, die sich antithetisch oder alternativ auf Orte der Lebenswelt beziehen. Darunter fallen heilige und auch verbotene Orte, desgleichen Orte, an denen Teile der Gesellschaft ausgegrenzt werden, wie es psychiatrische Kliniken, Gefängnisse und Altersheime sind. Der Friedhof gehört in besonderer Weise dazu. Die Verlegung der Friedhöfe an die Stadtränder führte in der Moderne zur Erfahrung einer zweiten und andersartigen Stadt, wie sie Italo Calvino in seinem Roman "Die unsichtbaren Städte" in der Symmetrie zur Stadt der Lebenden beschrieben hat. In dem "amoenischen Ort" (also vor der Stadtmauer) hat die Antike Stadt und Land, Zivilisation und Natur auf einen Gegensatz gebracht, der im Garten fortlebt, ein Gegensatz, der einmal von der bukolischen Dichtung besungen wurde, die im Laufe der Zeit Arkadien, als Ort der Freiheit und der Rückkehr zur Natur, in die dichterische Fiktion verlegte. Man überträgt das Bild von einem Ort (z.B. Stadt) auf ein Gegenbild (z.B. Natur), um es von dort mit größerer Autorität zurück zu übertragen. Auch auf diese Weise kann man von "Orten und Nicht-Orten" sprechen, wobei die letzteren nur dazu dienen, den eingeübten Ortsbegriff im Widerspruch zu stärken.

Heute halten die Touristen, wie es schon S. Sontag so lebendig beschrieb, die Erinnerung an Orte, an denen sie nicht bleiben und wohin sie vielleicht nie mehr wiederkehren können, in Bildern fest. Die Verfasserin sprach von der Photographie als einer "elegischen Kunst", welche die Orte und Kulturen im Bild bewahrt, bevor sie von der Welt verschwinden. Die ethnographische Photographie ist dafür ein berühmtes Beispiel. Das nahezu unentwirrbare Bezugsgeflecht zwischen Orten und Bildern von Orten setzt sich dorthin fort, wo wir mit den Augen nach Orten suchen, zu denen unsere Körper keinen Zugang haben. Der heutige Blick einer "Ethnologie der Umwelt" (M. Augé) findet seine Entsprechung im Blick jener, die plötzlich die Bilder der eigenen Kultur in den Museen und Archiven neu entdecken. Dabei wirkt die so vertraute Bildgeschichte auf jene Weise fremd und deutungsbedürftig, wie es früher die Bilder anderer Kulturen taten.

Unsere Körper besitzen die natürliche Kompetenz, Orte und Dinge, die ihnen in der Zeit entgleiten, in Bilder zu verwandeln und in Bildern festzuhalten, die wir im Gedächtnis speichern und durch Erinnerung aktivieren. Mit Bildern wehren wir uns gegen die Flucht der Zeit und den Verlust des Raumes, den wir in unseren Körpern erleiden. Die verlorenen Orte besetzen als Bilder unser körperliches Gedächtnis, wie es die alten Philosophen nennen, als einen Ort im übertragenen Sinne. Hier gewinnen sie eine Präsenz, die sich von ihrer einstigen Präsenz in der Welt unterscheidet und keiner neuen Erfahrung bedarf. Der Tausch zwischen Erfahrung und Erinnerung ist ein Tausch zwischen Welt und Bild. Die Bilder sind fortan auch an jeder neuen Wahrnehmung der Welt beteiligt, denn die Sinneseindrücke werden von unseren Erinnerungsbildern überlagert, an denen wir sie dann gewollt oder ungewollt messen. Gemälde und Photographien beziehen wir als Objekte, Dokumente und Ikonen mühelos auf unsere eigene Bilderinnerung. Sie hat sich in solchen Medien dort zum Gesetz der Zeit verdichtet, die sich in Bilder des Gewesenen verwandelt. Ihre historische Autorität verleiht den eigenen Erinnerungen die Teilnahme an einer Gemeinschaft der Lebenden und der Toten.

Unser Gedächtnis ist selbst ein körpereigenes, neuronales System aus fiktiven Orten der Erinnerung. Es baut sich aus einem Geflecht von Orten auf, an dem wir diejenigen Bilder aufsuchen, die den Stoff unserer eigenen Erinnerung bilden. Die physische Erfahrung von Orten, die unsere Körper in der Welt gemacht haben, bildet sich in der Konstruktion von Orten ab, die unser Gehirn gespeichert hat. Die mentale Topographie in unserem Gedächtnis wurde durch die alte Lehre der Mnemotechnik (einer trainierbaren Technik der Erinnerung) eingeübt. Sie basierte auf einer topologischen Erinnerung, wie sie das Gehirn vorgibt: auf der Verknüpfung der Erinnerungsbilder (imagines) mit Erinnerungsorten (loci) als Relais oder Stationen. Diese körpereigene Technik nahm die Hilfe der Sprache, die eine ähnlich gebaute Topologie besitzt, in Anspruch. Das Gedächtnis der Sprache ist aber, ebenso wie die Mnemotechnik, ein künstlich geschaffenes Medium, welches mit dem natürlichen Medium unseres spontanen Gedächtnisses im wechselseitigen Austausch steht. Ein ähnlicher Unterschied besteht zwischen dem technischen Gedächtnis der Apparate und unserem Körper. Solche Technologien übertragen Bilder an andere Orte, während unser körperliches Gedächtnis ein geborener Ort der Bilder ist, an dem Bilder sowohl empfangen wie produziert werden.

Das kollektive Gedächtnis einer Kultur, aus deren Tradition wir unsere Bilder abrufen, besitzt im institutionellen Gedächtnis der Archive und Apparate seinen technischen Körper. Aber dieser technische Fundus ist tot, wenn er nicht von der kollektiven Imagination am Leben gehalten wird. Die Kulturen der Welt, so scheint es, wandern in Bücher und Museen ab, wo sie archiviert, aber nicht mehr gelebt werden. Sie überleben in dokumentarischen Bildern (ähnlich alten Orten, die nur mehr in Fotos erinnert werden), aber diese Bilder wären ein neuer Tod, wenn sie nicht zum Leben einer Person gehörten – also dort noch einmal zum Leben kämen. In diesem Sinne ist das Ich, der alte Ort der Bilder, zu einem wichtigeren Ort der Kulturen geworden als das technische Archiv der Fotos, Filme und Museen, in denen Bilder aufbewahrt sind. Orte tragen ganz besondere Geschichten in sich, die an ihnen stattgefunden haben: durch sie erst sind sie zu Orten geworden, die der Erinnerung würdig sind. Auch wir tragen Geschichten (den Inhalt unserer Lebensgeschichte) in uns, durch die wir zu dem wurden, was wir heute sind. Orte, an die man sich erinnert, und Menschen, die sich an sie erinnern, sind aufeinander angewiesen.


Hans Belting



Ausstellungskatalog: TRANSIT ORTE, Galerie Werner Klein, Köln, 2002







© Ursula Schulz-Dornburg