URSULA SCHULZ-DORNBURG
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Sehen, was fehlt. Zeit aus Stein

 

 

„Alle Fragen, alle Antworten widerrufen sich.
Auf alle Fragen andere Antworten.“

Alberto Giacometti

 

 

Die Fotografin Ursula Schulz-Dornburg ist 1977 nach Südostasien gefahren und hat von dort eine Serie von fünfundzwanzig beschädigten Buddhaskulpturen mitgebracht. Sie war damals in Burma, einer Militärdiktatur und bis heute noch immer einer der ärmsten Staaten der Welt, um dort hatte die einzigartige Architekturlandschaft von Pagan zu besuchen. Vor fast 1000 Jahren war Pagan ein buddhistisches Königreich. Ein blühendes Land, das einen großen Teil seines Reichtums der Verehrung Buddhas widmete. Mit dem Überfall des Mongolenfürsten Kublai Khan im Jahr 1287 begann ein bis heute andauernder Verfall. Auf einer Hochebene von mehreren dutzend Quadratkilometern stehen hunderte und aberhunderte Tempel und Stupas und verfallen langsam. Eine Landschaft von seltener Magie.

Es wirkt fast so, als hätte sie die Aufnahmen, die sie damals dort machte, bereits dorthin mitgebracht. Als wären den Fotografien  innere Bilder  vorausgegangen. Ursula Schulz-Dornburg hat – bis auf wenige Ausnahmen – nicht die Landschaft fotografiert. Sie konzentrierte sich auf die Ausstrahlung der von tausenden Buddhastatuen geprägten Region. Der Anblick der verwundeten Körper aus Stein hat sie so beeindruckt, dass sie mit dem Abstand von fast dreißig Jahren noch einmal auf die Serie dieser Fotografien zurückkommt.

Fast alle wiederholen das gleiche Bild. Die Aufnahmen sind, wenn es möglich war, immer aus dem gleichen Abstand aufgenommen. Sie meiden alle Effekte und versagen sich jeden Eingriff. Licht auf Papier. Schwarz auf Weiß. Betrachten als Haltung. Die Wirklichkeit als Zitat.

In der stoischen Serialität verbinden sich die Aufnahmen plötzlich. Sie wirken wie Variationen des Immergleichen. Die Serie dieser Bilder macht einen  Zug aller Fotografie sichtbar. Jedes Bild kann nicht mehr sein, als Teil eines größeren Ganzen, das sich der Fotografie entzieht. Es ist eine Besonderheit dieser Serie, dass sie das Fehlende thematisiert. Die Aufnahmen zeigen uns, dass etwas fehlt. Sie stellen das Fehlende in den Mittelpunkt. Es ist so, als bezögen sie ihre Magie gerade aus dem Fehlenden. Sie zeigen eine anwesende Abwesenheit.

Die Dinge verlieren ihre Geschichte. Ihr religiöser Kontext verdünnt sich aufs Sichtbare. Die Menschen, die diese Objekte einst hergestellt haben, sind in ihrem Bild verschwunden. Alles Wesentliche ist unsichtbar. Und doch bleibt ein immer noch wesentlicher Rest.

Wir sehen 25 beschädigte sakrale Skulpturen mit sichtbaren Spuren der Gewalt. Ob es die Habgier von Plünderern war, oder einfach nur der Zahn der Zeit mit seinen vielfältigen Formen höherer Gewalt, können wir nicht genau erkennen. Wir können Vermutungen anstellen, aber vieles bleibt im Dunkeln. Die Figuren wurden regelrecht ausgeweidet. Manchen wurde der Kopf abgeschlagen. Andere haben in der Herzgegend ein Loch oder ihr Bauchraum wurde gewaltsam geöffnet. Niemand braucht diesen Objekten zu sagen: „Zeige Deine Wunde“ – sie tragen sie sichtbar und rätselhaft. Sie sind Wunden aus Stein. 

Aber die Spur der Zerstörung zeigt nur die Hälfte der Wahrheit. Der Gewaltakt ist noch nicht vollständig gelungen. Fast automatisch ergänzt der Blick des Betrachters, was fehlt. Die abgeschlagenen Arme, der fehlende Kopf, der geöffnete Leib – der Blick stellt die zerrissene Konturen sofort wieder her. Er will Unversehrheit. Der Teil sucht das Ganze. Das Fragment funktioniert wie eine Skizze, die sich selber ergänzt. Sehen ist wieder herstellen. Reproduktion und Rekonstruktion sind eins. Wir sehen die Vergänglichkeit und die Chance, trotzdem die Zeit zu überdauern. Ewigkeit und Nichtigkeit.

Wie Fotografien sind diese Skulpturen Doppelbilder. Indem wir die klaffenden Wunden, ihre tiefen Löcher und Risse betrachten, werden sie plötzlich zu Negativen des Weggeschlagenen. Es scheint so, als seien diese Figuren unzerstörbar. Aber all das ist natürlich nur eine Illusion. Sie sind reproduzierte Reproduktionen von Geist. Die Stupas selber wollten den Kosmos nachzeichnen. Mandalas als Architektur. Immaterielles in materieller Gestalt.

Die Bilder kommen und gehen in einem Pulsieren, das den Atem der Zeit anzuhalten scheint. Wie auf den großartigen Skulpturen Giacomettis, wo der Schein  der lebendigen Person sich durch alle Ferne hindurch durchsetzt. Das Unsichtbare wird für kurze Momente sichtbar, um sofort wieder zu verschwinden. Alles verändert sich unablässig. Gewalt – Existenz im Wandel.

Fotografien sind Fragmente. Sie zeigen niemals das ganze Bild. Die Buddhas aber zielten auf alles. Sie zielten auf eine Erleuchtung, für die es kein Bild gibt. Uns bleiben nur Abstraktionen, die sich über die materiellen Relikte vermitteln. Wir sehen nur die verblassende Spur der Geschichte in zerfallendem Stein. Aber noch in den zerstörten Posen bleibt etwas von der großen Ruhe. Wir sehen ein Schweigen, das seit Jahrhunderten anhält. Ausdruck, der nicht vergeht. Die große Gelassenheit, die zerstört werden sollte, setzt sich durch. Wir sehen den Kreislauf der Zeit.

Die  Fragmente sind Skizzen aus Stein, die uns Raum lassen, sie mit eigenen Bildern zu füllen. Indem wir in ihre geöffneten Figuren blicken, sehen wir etwas in sie hinein. Sehen ist Projektion. Der einstige Geist zerfällt und entsteht im Akt des Sehens neu.

Noch immer dauert eine magische Übertragung von Kraft und Energie an. Hinter einer sichtbaren Figur erscheint eine unsichtbare. Wir sehen wie Tradition funktioniert. Etwas wird weitergegeben. Leiden ohne Klagen. Wir sehen einem Sehen zu, das längst vergangen ist und sich unablässig erneuert. Dem Flüchtigsten in haltbarer Form. Wir sehen ein unsichtbares Porträt.

Die Kunst ist in diesem Fall eine fast kunstlose Kunst. Sie ist eine Kunst des Blickes. Aufmerksamkeit, die sich dem Verschwinden entgegenstemmt.

 

Jan Thorn-Prikker

 

13.9.2006



Ausstellungskatalog: PAGAN Zeit aus Stein. Galerie Sabine Knust, München 2006






© Ursula Schulz-Dornburg