URSULA SCHULZ-DORNBURG
Publikation:


AKTUELLE AUSSTELLUNGEN

DAUERAUSSTELLUNG

AUSSTELLUNGEN

AUSGEWÄHLTE WERKE

BIBLIOGRAFIE

PUBLIKATIONEN

KONTAKT





ENGLISH

In der Höhle wohnt ein Eremit

Man möchte fast glauben: Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg in Köln

 © Ursula Schulz-Dornburg.

Eines der schönsten Fotobücher der siebziger Jahre zeigt all die Vorhänge, die die Arkaden des Markusplatzes in Venedig beschatten. Die Fotografien Ursula Schulz-Dornburgs kosten das Spiel von Öffnen und Verbergen im Wechsel von Licht und Dunkel aus, denn die gerafften, dicken Stoffbahnen verhüllen halb, halb geben sie Einblick in die Gänge mit ihren Geschäften und Cafés. Fotografien Ursula Schulz-Dornburgs aus dem Jahr 2000 machen Verborgenes sichtbar, zeigen Licht in einer Finsternis: die Künstlerin hat Einsiedler- und Klosterhöhlen an der Grenze zwischen Georgien und Aserbeidschan fotografiert. Diese Fotografien sind jetzt  gemeinsam mit Aufnahmen aus dem Irak in der Kölner Kunst-Station Sankt Peter ausgestellt – unter dem Titel „Wüste“ .

Wüst ist die Gegend um den Gebirgskamm. Ein Erdbebengebiet. Die Höhlen, die seit dem 6. Jahrhundert als Verstecke für verfolgte Christen, später auch als Klöster dienten, liegen versteckt. Lange Belichtungszeiten waren nötig, damit die roh behauenen, durchfurchten Felsenwände zu schimmern begannen. Die Eremiten haben hier nicht gebaut, sondern Kammern, Gänge, Treppen und Kapellen dem Felsen abgerungen. Weit stärker aber waren die Kräfte der Natur. Risse und Verwerfungen durchziehen den Stein. Platten haben sich gegeneinander geschoben, Wände sind zerborsten und geben jähe Ausblicke frei.

Die Poesie der schwarzweißen Bildsprache, die für die Arbeit der 1938 geborenen Fotografin wesentlich ist,  beruht hier auf starken Kontrasten. Die Schwärze der Höhlen, die Helligkeiten des Steins sind zu Bildern verklammert. Zu „inneren Bildern“, die Ursula Schulz-Dornburg nach eigenen Worten fand, die aber zugleich auch Dokumente einer archäologischen Expedition sind. Denn die Unzugänglichkeit der Höhlen hat sie unverfälscht vor dem Tourismus bewahrt. Fast glaubt man, hier Menschen des frühen Mittelalters noch antreffen zu können, etwa im Anblick eines Kopfkissens, aus Stein gemeißelt. Als sich die Fotografin durch enge kaminartige Einstiege in die Höhlen abseilen ließ, begab sie sich in den „Brunnen der Vergangenheit“, den Thomas Mann zu Beginn von „Joseph und seine Brüder“ beschreibt.

Auf der Suche nach noch viel älteren Kulturen reiste Ursula Schulz-Dornburg 1980 in den Süden des Irak, nach Mesopotamien, wo einst in Städten reges Leben herrschte. Was sie fand, war eine Schlamm- und Lehmwüste, die die Ablagerungen der leichten Ziegelbauten verbarg. Bis zu vierzig Meter tief sollen die Schutthalden der von Regengüssen zerstörten Wohnbauten reichen, da eine Schicht über die andere gebaut wurde.  Die Zikkurat, der Tempelberg von Uruk  ist erhalten. Doch das Interesse der Fotografin galt  weniger diesem Sakralbau als der Landschaft, wo die Erhebungen auf Ablagerungen deuteten und wo das, was wie Geröll aussah, ein Haufen von Keramikscherben sein konnte. Heute haben die Bagger der Raubgräber diese Gegend in eine Kraterlandschaft verwandelt. 

Doch die Fotografien sind mehr als Dokumente einer inzwischen zerstörten Situation. Sie verlocken dazu, den Geist wandern zu lassen – über die ausgetrocknete Schlammebene und die aufgesprungenen Rinnsale hinweg, an den Schutthalden vorbei, zwischen den Erhebungen und Erdlöchern hindurch bis zum Horizont unter fahlem Himmel. Eine Endzeitlandschaft. Ursula Schulz-Dornburg  fotografierte aus leichter Erhöhung und versetzte die Motive mittels Diasec-Verfahren in weich abgestufte Grauwerte, so daß sich der Himmel im Boden zu spiegeln scheint. Dadurch sind gleichsam tonlose Bilder entstanden.

Ihre Leere gibt der Vorstellungskraft Raum. Der Typograf -  und Wüstenwanderer – Otl Aicher hat die Wüsten als „Denklandschaft“ bezeichnet. Friedhelm Mennekes,  Jesuitenpater und Begründer der „Kunst-Station“ im Jahr 1987, nennt sie in seinem Katalogbeitrag „Kraftorte für die Spiritualität, für das Denken und für die Kunst.“ Die Ausstellung auf den Emporen von Sankt Peter nimmt auf die Geschichte der Kirche Bezug. Die Kuratorin Barbara Catoir, seit vielen Jahren Mitarbeiterin dieser Zeitung, regte an, die Fotografien auf Pulten zu zeigen, deren Form an den Reliquienschrein des heiligen Evergislus erinnert, eines der ersten Kölner Bischöfe im sechsten Jahrhundert. Das reliquiar wurde in die Ausstellung integriert. Vermutlich ist es leer: nur eine Nachbildung des Originals, das einst napoleonische Horden raubten.

Doch lassen wir dem Schrein sein Geheimnis wie auch den beiden rätselhaften Bauten in wüster Umgebung, deren Fotografien an den Stirnseiten der Emporen Platz finden. Das verborgene als Verborgenes zu zeigen – das ist ein Wesenszug der Kunst von Ursula Schulz-Dornburg.



Susanne Henle

 

Artikel in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilletton, 22. März 2006, Nr. 69, S. 39
© Ursula Schulz-Dornburg