URSULA SCHULZ-DORNBURG
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URSULA SCHULZ-DORNBURG

transitORTE




prolog SONNENSTAND
Pyrenäen, 1991/92

© Ursula Schulz-Dornburg. Sonnenstand © Ursula Schulz-Dornburg. Sonnenstand © Ursula Schulz-Dornburg. Sonnenstand

Kapellen in den Pyrenäen. Eremitagen. Romanische Architekturen mit arabischen Elementen, alles von größter Einfachheit. Rechteck und angehängtes Halbrund des Chores. Von außen betrachtet wie kleine Observatorien in der Bergwelt. Die Aufnahmen aus dem Innern modifizieren diesen Eindruck: es sind Räume nicht zum Beobachten, sondern zum Schauen.
Es wurde jeweils mehrfach fotografiert, zu verschiedenen Zeiten des Jahres wie des Tages. Name der Kapelle, Datum und Uhrzeit gehören zur Aufnahme. Durch die schmalen Fensternischen fällt das Licht gleißend in den dunklen Innenraum, viel zu scharf gebündelt um diesen wirklich zu erhellen. Licht und Dunkelheit, hart getrennt nebeneinander. Da aber, wo der Strahl auf seinem Weg durch den Raum auf Stein fällt oder auf den festgestampften Lehm des Bodens, auf die Materie: da begreift die Dunkelheit das Licht, dessen Schärfe sich im gleichen Zug ändert zu einem milden Leuchten.
Kalenderbauten. Der Gang der Tages- und Jahreszeiten bildet sich im Innern in wandernden Konfigurationen des Lichtes ab. Die, wäre man ständiger Bewohner, in Korrespondenz treten würden zu den Rhythmen des Körpers, Herzschlag und Atem. Licht und Dunkelheit, Innenraum und Außenraum, Körper und Himmelsgewölbe: jedes für sich ganz deutlich da, dennoch ineinander verschränkt.

© Ursula Schulz-Dornburg. Sonnenstand
* Sonnenstand war in vielerlei Hinsicht die Voraussetzung für alle in der Folge bis heute sich anschlieІenden weiteren Serien und wurde 1996 in der Corcoran Gallery of Art, Washington DC, und 1997 im Art Institute Chicago gezeigt.



transitions

Die Dinge der Welt, sie haben immer etwas mehr als nur eine Ansicht. Was man beim Betrachten der Aufnahmen von Ursula Schulz-Dornburg angesichts ihrer Evidenz leicht vergißt, ist die Tatsache, daß das, was man vor sich hat, etwas anderes ist als jenes, was im Augenblick der Aufnahme vor der Kamera war. Die einzelnen Aufnahmen und mehr noch die ganzen Sequenzen formieren sich zu Räumen. Räume, die sich gleichermaßen aus Orten und Situationen wie aus Bewußtsein, Wahrnehmung, biographischen Schichten und Brüchen konstituieren. Den einzelnen Momenten liegen Prozesse zugrunde, die Bildräume sind zeitlich verfaßt. Räume im Übergang. Verkörperungen, denen die Grenze, der Horizont als Zone von Übergang und Vermittlung eingeschrieben ist. Transitorte: nicht abgebildet, aber "gezeigt". Dies ist "eine" Struktur.
Eine andere Struktur parallel dazu ist gekennzeichnet durch Augenblicklichkeit. Das Auslösen der Aufnahme, aber auch die innere Wahrnehmung, beides ist gleichsam in den Blitz gestoßen. Nach Erkenntnissen der Neurophysiologie fragt das Gehirn, fragen die untereinander konfigurierenden Neuronenverbände in Abständen von jeweils einem Bruchteil einer Hundertstel Sekunde über Nervenleitungen und Sinnesorgane nach draußen: hat sich etwas verändert in der Welt? Im Bereich einer Hundertstel Sekunde liegt auch die Belichtungszeit für eine Aufnahme. Das scheinbare Eingebettetsein des Motivs in einen kontinuierlichen Kontext, das scheinbare Kontinuum gewohnter Ich-Erfahrung: beides erweist sich gleichermaІen als illusionär und wird auch genau so gezeigt. Entsprechend erscheinen die Dinge auf den Fotografien im Licht einer eigenartigen Grundlosigkeit. Die Leere im Herzen der Dinge wird anschaulich. Sie könnte den Diskurs initiieren über die Möglichkeit, als jemand zu leben und zu handeln, der weiІ, daІ er im Grund niemand ist. So gesehen, liegt eine heilsame und beinahe heitere, Klarheit schaffende Desillusionierung den Aufnahmen von Ursula Schulz-Dornburg durchgängig zugrunde.

Blicke. Sehen wie mit abgeschnittenen Lidern, so hat es Heinrich von Kleist vor einer Meereslandschaft von Caspar David Friedrich beschrieben. Den Schmerz beim Wort genommen, die Augen auf irreduzible Weise geöffnet. Eingetreten in ein Muster, in dem die Konstruktionen von Subjekt und Objekt, innen und außen aufgebrochen sind, freigesetzt zu lebendigeren Bezügen. Aufgewacht jenseits – oder diesseits – allen Abbildens. Auch und gerade in der Fotografie. Das nicht Abbildbare zeigen, über das Unsagbare sprechen: das groІe Paradox der Kunst. Das, was kategorial unmöglich ist, geht als paradoxe Bedingung des Entstehens in die Arbeit ein. Im Moment der Aufnahme verschmelzen Betrachtung und Engagement, Aktion und Passion. Feldforschung und fortgesetztes Selbstexperiment: Aufnahme um Aufnahme wird zu einem komplexen Selbstportrait.



transitORTE
Armenien, 1997/2000

© Ursula Schulz-Dornburg. transitORTE

Reisen durch ein Land, von dem niemand mehr so recht weiІ, wohin es gehört. Das älteste christliche Land der Welt. Ansichten des geschundenen sozialen Körpers. Die Bushaltestellen. Ihre Architektur: die sozialistische VerheiІung einer besseren Welt, in Beton manifestiert zwischen Piste und Horizont, Siedlungsrand und schneebedecktem Bergzug, Steppe und völligem Nichts. Warteräume, kaum weniger vergänglich als die Wartenden selbst. Stehen wie für alle Ewigkeit, gebannt in einen Zwischenzustand. Warten. Der Spruch an der Eingangspassage zur Vorhölle von Dantes "Divina Comedia" lautet: "Durch mich gelangt man zum verlernen Volke".
Der ungeheure Zwiespalt des Wortes Utopie selbst: "Eutopos", der gute Ort. Und "Outopos", kein Ort.



grenzLANDSCHAFTEN
15 km entlang der georgischaserbaidschanischen Grenze, 1998/2000

© Ursula Schulz-Dornburg. grenzLANDSCHAFTEN

In Grenzlage zur kachetianischen Wüste ein Bergzug, scharfgezogener Kamm. Gesteinspakete, sedimentierte Zeit, geschichtet, gekippt, gestaucht, gedehnt. Tektonische Kollisionszone, Erdbebengebiet. Eine gewaltige Batterie seismischer Energien. Risse gehen durch den anstehenden Fels, durch die archaischen Architekturen der Felsenkammern. Zellen, die frühesten im 6. Jahrhundert aus der Felswand gehauen. Von syrischen Christen, emigriert vor dem Machtanspruch religiöser Doktrinen. Die Höhlen waren von außen nicht zu sehen.

Felsenhöhle, Körperhöhle. Exil, in jeder Hinsicht auf den Punkt gebracht. Der Körper, von Fels und Schweigen umschlossen. Von da aus das BewuІtsein in den Raum entfaltet. Verkörperter, plastischer, sphärischer Raum. Die Höhle als Durchgangsort. Fortschreiten in die Erfahrung einer radikalen Freiheit, aus sich selbst heraus subversiv gegenüber jeglichem Machtanspruch. Physische und mentale Grenzgänge, auch jene, die zu diesen Aufnahmen führten.



erinnerungsLANDSCHAFTEN
St. Petersburg, Museum of the Arctic and Antarctic, 2000/01

© Ursula Schulz-Dornburg. erinnerungsLANDSCHAFTEN

Zu sehen sind ein paar dick vermummte, verlorene Figuren in arktischer Gegend, ein Zelt, ein WindmeІgerät, Schlitten, ein Flugzeug, eine Fahne. Dazu kann man erfahren: es waren frühe wissenschaftliche Stationen, errichtet auf driftenden Eisschollen im Polargebiet. Wer dorthin kam, setzte sich für ein Jahr aus in Kälte, Dunkelheit und Einsamkeit. Beobachtete Eis, Wasser, Luft, deren Strömungen, zeichnete alles auf. Beobachtete freilich auch sich selbst, die eigene Drift durchs kalte Herz des Planeten, durchquert vom Strich des Horizonts.
Auf den ersten Blick zeigen die Aufnahmen genau diese Realität. Dann sehr rasch Irritation und Enttäuschung: der heroische Akt ist hier in verkleinertem MaІstab nachgestellt. Das Ganze nur ein Modell. Nichts weiter?
Da waren welche in der Arktis, andere haben das nachgebaut zur Erinnerung fürwiederum andere. SchlieІlich die Aufnahme des Modells, die den Betrachter in den Transit zwischen Realität und Fiktion schickt. Zwischen denen man trennen kann? Am Ende ist alles Betrachtung, Selbstbetrachtung, Wahrnehmung in jeweils verschiedenen Kontexten. Die Fotografie, in der zunächst immer alles Vergangenheit ist, blendet die unterschiedlichen Perspektiven übereinander: eine Konvergenz der Blicke mit einem ganz eigenen Strömungssystem, in dem das BewuІtsein driftet. Darin ist alles präsent.



Matthias Bärmann



Ausstellungskatalog: TransitSITES
Neuhoff Gallery, NYC, 22. März - 14. April 2001
Wolfgang Wittrock Kunsthandel, Düsseldorf, Mai 2001
Art | 32 | Basel, 13. - 18. Juni 2001







© Ursula Schulz-Dornburg