URSULA SCHULZ-DORNBURG
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Weizen

 Fotoinstallation in Ausstellung Gen Welten, Bundeskunsthalle, Bonn, 1999

 

 © Ursula Schulz-Dornburg

 © Ursula Schulz-Dornburg



Dort, wo herkömmliche Arten aussterben, verlieren die Menschen etwas von ihrer Geschichte und Kultur.


Die Aufnahmen der Ähren entstanden in der FAL, Braunschweig und im Vavilov-Institut in Sankt Petersburg, einer Weizen-Gen Bank, in der mehr als 66.000 verschiedene Weizenarten katalogisiert und archiviert sind. Der Aufbau der Installation gleicht einer Ahnengalerie, in der jede Weizensorte als ein Teil der Kulturgeschichte gelesen werden kann, in der sich der Mensch diese Pflanze zunutzen machte. Die individuelle Vielfalt des Weizens wird somit zum Spiegel verschiedener Kulturen, Epochen oder klimatischer Verhältnisse. Die Metapher des Weizens setzt aber auch kritisch ein Zeichen für den Wandel und die Entwicklung von der vorgefundenen Natur hin zur deren Kultivierung, vom Wildgras zur Kulturpflanze. Selektiert und gezüchtet, bestimmt durch Angebot und Nachfrage, wurden im Laufe der Zeit nur jene Sorten „genetisch“ kultiviert, die im globalen Wettbewerb den maximalen ökonomischen Nutzen erzielten. Analog dazu fordert dieser Fortschritt, wie der Titel schon sagt, seine Verluste. Die Installation von Ursula Schulz-Dornburg dokumentiert den Widerspruch zwischen wissenschaftlicher Erforschung der traditionellen Vielfalt und deren Reduktion zugunsten des rentablen Hybridweizens. Sie verweist damit auch auf die Komplexität menschlichen Handelns im Kontext Mensch-Gesellschaft-Umwelt.

Alexandra Kolossa.

Ausstellungskatalog: Natural Reality, Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen, 1999




Fotoinstallation ,,Dort, wo herkömmliche Arten aussterben, verlieren die Menschen etwas von ihrer Geschichte und Kultur"


In Ursula Schulz-Dornburgs Fotoinstallation ,,Dort, wo herkömmliche Arten aussterben, verlieren die Menschen etwas von ihrer Geschichte und Kultur" mahnen 63 Fotografien von Ähren verschiedener Sorten in Schönheit und Mannigfaltigkeit den Verlust der Arten- und Kulturvielfalt in unserer Gesellschaft an: Jede Ähre birgt eine uns unbekannte Geschichte. Fotografie wird hier zum Mittel der Bewahrung über den Zeitpunkt des Aussterbens hinaus. In ihrer kulturenübergreifenden Gesamtheit auch Zeichen für die Universalität dieser Pflanze ruft sie uns auf zur Verantwortung für die Welt. Und auch die kleinen nummerierten Aluminiumschachteln, in die jeweils eine Ähre architekturartig eingestellt ist, sind Mahnmale. Die Erhabenheit der einzelnen Ähre unterstreicht die Bedeutung einer jeden Art. Doch diese Schachteln, die mit jenen korrespondieren, in denen die Weizensamen im St. Petersburger Vavilov-Institut, der ältesten Samenbank der Welt, aufbewahrt werden, eröffnen zusammen mit den Fotografien, die die Künstlerin vom Institut selbst, seinen Räumen, Galerien, Schachteln und Katalogen machte, eine weitere Ebene der Arbeit. Durch den Verweis auf die Sammlertätigkeit des russischen Biologen Vavilov, der von 1916 an eine Viertelmillion Varietäten verschiedener Kulturarten sammelte, der aber als Begründer von Gen-Zentren auch die Entwicklung der Gentechnologie ermöglichte, verweist Ursula Schulz-Dornburg nicht nur auf die Zweischneidigkeit von Wissenschaft, sondern auch auf deren Abhängigkeit von Wirtschaft und Politik. Das Vavilov-Institut, als Zentrum der genetischen Vielfalt, lebt am Rande der Existenz, kann wegen Personalmangels den Anforderungen der Bewahrung kaum nachkommen, wahrend eine andere – die gentechnologische – Abteilung desselben Instituts großzügige Unterstutzung erfährt. Vor dem Hintergrund der 1992 auf der Umweltkonferenz in Rio geforderten Forderung der biogenetischen Vielfalt ist Schulz-Dornburgs Installation ebenso wie die von Mark Dion ein aktivistischer Appell an Politik und Gesellschaft. Interessant ist, daß Ursula Schulz-Dornburg zugleich das Beispiel einer gelungenen Synthese von Natur und Kultur hervorhebt, denn als Kulturpflanze ist der Weizen ein Zeichen für das positive Miteinander von Mensch und außermenschlicher Natur. Wahrend Mark Dion bei „One Meter of Meadow“ das Augenmerk auf die jenseits der Wahrnehmung des Menschen liegende Natur legt, um die menschzentrierte Weltsicht zu kritisieren, lenkt Ursula Schulz-Dornburg die Aufmerksamkeit über die Kulturpflanze gerade auf die menschliche Sicht auf die Natur. Die Verknüpfung der ökologischen mit der kulturgeschichtlichen Bedeutungsebene führt durch die Klarheit und Konzeptualität der Installation zur Ruckbesinnung auf ein ganzheitliches Zusammenwirken von Kultur und Natur.“ ...

Heike Strelow

Ausstellungskatalog: Natural Reality, Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen, 1999


© Ursula Schulz-Dornburg