URSULA SCHULZ-DORNBURG
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Sonnenstand und Zwei Gesichter der Ewigkeit

Doppelausstellung mit Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg und Bahaa Medcour

Ursula Schulz-Dornburg (geb. 1938 in Berlin, wohnhaft in Düsseldorf) ist eine deutsche Fotografin, die durch eine Reihe von Ausstellungen ihrer Werke - unter anderem Bonn, Hamburg, Wien, Basel, Chicago, Washington, New York, Valencia, München, Köln, Bilbao - international bekannt geworden ist.

Die Ausstellung in der East Exhibition Hall der Bibliotheca Alexandrina – zusammen mit dem ägyptischen Fotografen Bahaa Medcour und organisiert in Zusammenarbeit mit der Bibliotheca Alexandrina – wird vom 8. bis 30. Oktober 2008 aus den Serien ‚Sonnenstand’ und ‚Samen’ 46 Arbeiten zeigen 

Der ägyptische Künstler Bahaa Medcour ist Professor an der Cairo University und war mit Ausstellungen in Ägypten und Italien vertreten. In seiner Auswahl „Zwei Gesichter der Ewigkeit“ werden die Große Pyramide und die Gräber von Hiw, Stein und Lehm, in ihrem Verhältnis zu Leben und Ewigkeit in Beziehung gesetzt.

 

 

 


Die Sonne und das Getreidekorn

Natürlich entstehen durch diese Auswahl auch Assoziationen zu Geschichte und Mythos des alten Ägyptens, zum Nildelta als Landschaft einer der vermutlich ältesten getreideanbauenden Kulturen der Welt. Auch ist den Arbeiten von Ursula Schulz-Dornburg ein Zug des Bewahrens, des Archivierens eigen, wie er in umfassendem Maße jene großen Wissensspeicher auszeichnet, unter denen der legendären Bibliothek von Alexandria herausragender Rang zukommt. Was aber vor allem zwischen diesem Ort und ihrer Arbeit Nähe stiftet, ist die Weise, wie ihre Arbeiten aus der Bewegung eines ständigen Unterwegsseins heraus entstehen, oft zwischen West und Ost, in Russland, Armenien, Georgien, Aserbeidschan, Irak, Saudi-Arabien. Dieser interkulturelle Aspekt findet in Alexandria und seiner berühmten Bibliothek, die durch viele Jahrhunderte hindurch lebendige Schnittstelle zwischen Ost und West war und seit ihrem Neubau 2002 auch wieder ist, einen sehr besonderen Ort.

Sonnenstand

1991/92 hat Ursula Schulz-Dornburg mehrfach die räumlich-zeitliche Grenzlinie bereist, die im 10. Jahrhundert den über fast ganz Spanien ausgedehnten arabischen Herrschaftsbereich und die christlichen Königreiche des Nordens im 10. Jahrhundert voneinander schied. Einen geistigen Hintergrund bilden die Texte des Kalenders von Cordoba, einem Dokument aus jener singulären historischen Epoche des 10. Jahrhunderts, als in Spanien die friedliche Koexistenz von Arabern, Juden und Christen die Kultur blühen ließ und das Land zum intellektuellen Zentrum Europas machten. Die aktuelle Realität zur Zeit der Entstehung dieser Werkreihe war durch den Zweiten Golfkrieg geprägt.

An dieser heute beinahe unsichtbar gewordenen Grenze hat Ursula Schulz-Dornburg in kleinen, einsam gelegenen Einsiedler-Kapellen des 9./10. Jahrhunderts, in deren Architektur sich europäisch-christliche und arabisch-islamische Elemente verbinden, zu verschiedenen Zeiten des Jahres in Serien das Licht fotografiert: wie die Sonnenstrahlen durch schmale Fensteröffnungen einfallen und im Verlauf des Tages durch die archaischen dunklen Innenräume wandern. Die alten Architekturen verbinden sich mit einem weiteren Raum, einem bewegten Zeit-Raum, der von Licht geschaffen wird. Die Drehung der Erde um sich selbst und ihr Gang um die Sonne - das kosmische Außen und das architektonische Innen bilden eine Einheit.

Samen

1987 hat Ursula Schulz-Dornburg in verschiedenen internationalen Gen-Banken Ähren und einzelne Samenkörner aus der großen Mannigfaltigkeit der Getreidesorten der Welt fotografiert, die heutzutage ausgestorben sind und deren letzte Exemplare in Tiefkühltresoren lagern. Ersetzt wurden sie inzwischen durch wenige gezüchtete Hochleistungssorten, auf die internationale Großunternehmen die Patente halten: Uniformität und zentralistische Kontrolle anstelle von Vielfalt und Regionalität, die für das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten unverzichtbar sind. In diesem Sinn ist die Serie ‚Ewiger Weizen’ ein Archiv, dessen Bestand unsere gemeinsamen Wurzeln ebenso wie die Unterschiedlichkeit unserer Kulturen zu belegen vermag.

Unter dem Titel ‚Samen’ hat Ursula Schulz-Dornburg 2008 eine Reihe von Fotografien einzelner Weizen- und Hirsesamen für die Ausstellung in Alexandria neu bearbeitet. Auf diesen Fotografien erscheinen die einzelnen Körnchen als monumental vor dunklem Hintergrund schwebende, wie aus sich selbst heraus leuchtende Körper. Durch größere Abstraktion werden sie, behutsam dem Bereich des Dokumentarischen distanziert, zu Bildern von großer phänomenologischer Eindringlichkeit verwandelt: ihre Lebensenergie, ihre potentiell unendliche Fülle sind überwältigend präsent.

Die Bewegung zwischen politischem Engagement und hermetischer Kontemplation ist charakteristisch für Ursula Schulz-Dornburgs Arbeit. In leeren Räumen, in Spuren des Gewesenen zeigt sie den Prozess des Verschwindens der Dinge. Alles, was zu sehen ist, erscheint in einer fragilen Balance von Entstehen und Vergehen, die Dinge stehen im Licht ihrer Endlichkeit. Das Wesen der Grenze, des Übergangs ist diesen fotografischen Arbeiten eingeschrieben. Doch wird diese Schnittstelle zwischen Präsenz und Verschwinden zum Ort einer Kontemplation, in der die Keime der „vita activa“, die Impulse des Handelns bereits angelegt sind. Da, wo die unterschiedlichen Wirklichkeiten dessen, was war, und des gegenwärtig Seienden unvermeidlich miteinander ins Spiel kommen, erhebt sich die Frage nach dem Zuhauseseinkönnen in einer Welt, in der sich die vertrauten Bezüge immer schneller auflösen, in einer Welt der Migrationen und des Exils, eines neuen Nomadismus.

 

 

© Ursula Schulz-Dornburg