URSULA SCHULZ-DORNBURG
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Fotoinstallation "Dort, wo herkömmliche Arten aussterben, verlieren die Menschen etwas von ihrer Geschichte und Kultur"



... „Auf ganz andere Weise thematisiert Ursula Schulz-Dornburg die Aneignung der Natur durch den Menschen. Seit den 80er Jahren erforscht sie Weizen und andere kultivierte Wildpflanzen. Ihr Interesse gilt dabei der kulturellen Adaption dieser Pflanzen, denn als Grundnahrungsmittel hat sich deren Geschichte über Jahrtausende mit der Kulturgeschichte vieler Völker verbunden; sie spielen eine zentrale Rolle im sozialen, kulturellen und religiösen Leben. So wird auch Weizen seit mehr als  9000 Jahren angebaut und hat während des fortlaufenden Kultivierungsprozesses unzählige Arten hervorgebracht. Durch die Entwicklung der Biogenetik hat sich dieser Entwicklungsprozeß heute jedoch verkehrt. Es werden immer effizientere Sorten entwickelt, die immer mehr Weizenrassen in aller Welt, vor allem in den Entwicklungsländern verdrängen. Sie wandern in Samenbanken oder gehen, als Stiefkind der Naturwissenschaft, ganz verloren.



In Ursula Schulz-Dornburgs Fotoinstallation "Dort, wo herkömmliche Arten aussterben, verlieren die Menschen etwas von ihrer Geschichte und Kultur" mahnen 63 Fotografien von Ähren verschiedener Sorten in Schönheit und Mannigfaltigkeit den Verlust der Arten- und Kulturvielfalt in unserer Gesellschaft an: Jede Ähre birgt eine uns unbekannte Geschichte. Fotografie wird hier zum Mittel der Bewahrung über den Zeitpunkt des Aussterbens hinaus. In ihrer kulturenübergreifenden Gesamtheit auch Zeichen für die Universalität dieser Pflanze ruft sie uns auf zur Verantwortung für die Welt. Und auch die kleinen nummerierten Aluminiumschachteln, in die jeweils eine Ähre architekturartig eingestellt ist, sind Mahnmale. Die Erhabenheit der einzelnen Ähre unterstreicht die Bedeutung einer jeden Art. Doch diese Schachteln, die mit jenen korrespondieren, in denen die Weizensamen im St. Petersburger Vavilov-Institut, der ältesten Samenbank der Welt, aufbewahrt werden, eröffnen zusammen mit den Fotografien, die die Künstlerin vom Institut selbst, seinen Räumen, Galerien, Schachteln und Katalogen machte, eine weitere Ebene der Arbeit. Durch den Verweis auf die Sammlertätigkeit des russischen Biologen Vavilov, der von 1916 an eine Viertelmillion Varietäten verschiedener Kulturarten sammelte, der aber als Begründer von Gen-Zentren auch die Entwicklung der Gentechnologie ermöglichte, verweist Ursula Schulz-Dornburg nicht nur auf die Zweischneidigkeit von Wissenschaft, sondern auch auf deren Abhängigkeit von Wirtschaft und Politik. Das Vavilov-Institut, als Zentrum der genetischen Vielfalt, lebt am Rande der Existenz, kann wegen Personalmangels den Anforderungen der Bewahrung kaum nachkommen, wahrend eine andere – die gentechnologische – Abteilung desselben Instituts großzügige Unterstutzung erfährt. Vor dem Hintergrund der 1992 auf der Umweltkonferenz in Rio geforderten Forderung der biogenetischen Vielfalt ist Schulz-Dornburgs Installation ebenso wie die von Mark Dion ein aktivistischer Appell an Politik und Gesellschaft. Interessant ist, daß Ursula Schulz-Dornburg zugleich das Beispiel einer gelungenen Synthese von Natur und Kultur hervorhebt, denn als Kulturpflanze ist der Weizen ein Zeichen für das positive Miteinander von Mensch und außermenschlicher Natur. Wahrend Mark Dion bei „One Meter of Meadow“ das Augenmerk auf die jenseits der Wahrnehmung des Menschen liegende Natur legt, um die menschzentrierte Weltsicht zu kritisieren, lenkt Ursula Schulz-Dornburg die Aufmerksamkeit über die Kulturpflanze gerade auf die menschliche Sicht auf die Natur. Die Verknüpfung der ökologischen mit der kulturgeschichtlichen Bedeutungsebene führt durch die Klarheit und Konzeptualität der Installation zur Ruckbesinnung auf ein ganzheitliches Zusammenwirken von Kultur und Natur.“ ...

 

Heike Strelow




Ausstellungskatalog: Natural Reality, Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen, 1999

© Ursula Schulz-Dornburg