URSULA SCHULZ-DORNBURG
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"Man soll laufen in den Frieden, man soll nicht anfangen im Frieden."
Meister Eckhart¹


Horizont Wüste


1980 ist Ursula Schulz-Dornburg in den Irak gereist, kurz vor Ausbruch des Krieges zwischen Irak und Iran. Auch in die Gleichzeitigkeit dieser Situation mit dem alten Mesopotamien gereist. Sie hat die mittlerweile ausgelöschte Wasser-Himmel-Landschaft der Marschen des Tigris fotografiert, mit den Schilfhäusern der Ma'dan zwischen Wasser und Himmel (<Verschwundene Landschaft>, 1980/2001).
Danach Himmel und Wüste. Das Projekt, die Relikte des alten Uruk, früheste bekannte Großsiedlung der Menschheit, zu umwandern, aus der Umkreisung heraus zu fotografieren, nicht zu realisieren. Militärisches Sperrgebiet. Statt dessen: Ansichten, Überblicke. Aus einer Distanz heraus, die, verwandelt, kenntlich wird in den 2002 realisierten Diasec-Abzügen dieser Aufnahmen. Die leichte Tonalität entrückt die Bilder, macht sie diaphan und fern. Ansichtig gewordene, abgeschlossene Zeit.
Schulz-Dornburgs Arbeiten artikulieren Übergangsbereiche, Zwischen-Orte, entfalten sich von Rändern her, entstehen aus dem Weg heraus: <Sonnenstand> (1991/92), <Grenz-Landschaften> (1998-2000), <Transitorte> (1997-2001).² Auch die neuesten Arbeiten aus Saudi-Arabien, von Medina entlang der alten Weihrauchstraße und Hedjas-Bahn bis zur jordanischen Grenze.


© Ursula Schulz-Dornburg.

Schwarz-Weiß l

Die endlose Weite, entfaltet vom Horizont, die zu geometrischer Klarheit konzentrierten Formen, die ungeheure Intensität des Lichts, welches die Materie zerbricht und alle Formen mit harten Schatten konturiert. Zu allen Zeiten haben Menschen in den Wüsten der Erde gelebt und das Wissen um die paradoxe Freiheit bewahrt, die unter den extremen Bedingungen dieser Grenzorte, Orte des Übergangs, erfahrbar ist. Heilig war die Schrift, noch heiliger aber die Leere. Schrift und Leere, so in der jüdischen Tradition, das ist "schwarzes Feuer auf weißem Feuer". Das weiße Feuer aber, die Leere, ist die "Haut Gottes".

"und weis doch niemant was"

Meister Eckhard setzt da, wo seine Sprache auf dem Weg zur Gotteserfahrung ins Stocken gerät, die Metapher der Wüste ein. Die "stille Wüste", der "einfaltige Grund". Bilder des Absoluten. Das Dilemma, über eine in Konzepten der Sprache wie des Bildes nicht zu fassende Erfahrung dennoch sprechen zu müssen, zwingt ins Paradoxon: "Grund ohne Grund". Wüste, die Gegend der Abgründigkeit, ist aufgeladen mit einem ungeheueren Negationspotenzial. Zeit, Ort, Differenz, Qualität, Maß: alles ausgelöscht. Was bleibt, ist die blanke Faktizität dessen, was ist. Das etwas ist. "[...] es ist und weis doch nimant was" (es ist und weiß doch niemand was).³
Ludwig Wittgensteins wohl berühmtester Satz, der Schlussparagraf (7) des <Tractatus logico-philosophicus> lautet: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."⁴ Begrenzt das Schweigen von außen, was die Sprache von innen begrenzt? Über etwas schweigen. Vielleicht gibt es tatsächlich so etwas wie ein gerichtetes Schweigen. Das die Dinge in Bewegung bringt.

Vera Icon (Das wahre Bild)

Wüstenebene, Sand und Steine, durchsetzt von einem Relief hart kontrastierender, tief dunkler Schatten. Eines der arabischen Wörter für Wüste, al-burqa, bezeichnet den von dunklen Steinen und hellem Sand gesprenkelten Boden. In einer Senke die Spuren einer alten gebauten Struktur, die sich an die Oberfläche durchzeichnet. Steine, behauene und nicht behauene, vom extremen Temperaturwechsel zwischen Tag und Nacht zersprengt, auch Ziegel. "Trümmerstätte" heißt, übersetzt, ein hebräisches Wort für Wüste aus dem Alten Testament. Natur und Kultur, ein Feld. Darunter, Schichten um Schichten. Gilgamesch-Epos und Cäsium-Magnetometer stimmen überein: gewaltige Stadtmauern, Tempel, Tore, Paläste, wasserführende Tunnel, Palmgärten.
Irgendwann werden diese Schichten in der Tiefe unterscheidungslos, namenlos. Im Schweigen versunken. Schicht um Schicht kommt auch die Zeit zum Stand. Gleichzeitigkeit des Gewesenen. Zeit-Geschichte. Über dem Horizont der Himmel, eine weitere Schicht. Hier gibt es keinen Grund, für nichts.
Übereinander geschichtete Flächen. Horizontalen, die in ihrer Summierung eine Vertikale bauen. Daran orientiert sich die Selbstwahrnehmung, des Körpers, des Bewusstseins. Einen Stand gewinnen in der Achse der Schwerkraft, ohne letzten Grund. Dem Schwund von Substanz entspricht ein Gewinn an Bezug. Im Ich-Verlust sich finden.
"Fotografie ist kein wahres Bild, sondern eine Spur des Verschwundenen."⁵ Aber damit hat der Weg überhaupt erst begonnen.

Schwarz-Weiß II

"I open my eyes in the dark and see darkness. l close my eyes and see darkness, even in the light." (Ich öffne im dunkeln die augen und sehe dunkelheit. Ich schliesse die augen, und sehe dunkelheit sogar im licht.)⁶


Matthias Bärmann


¹ Meister Eckhart Deutsche Predigten und Traktate, hrsg. von Josef Quint, München 1955, S. 188.
² Ausführliche Dokumentation dieser Serien in: Ursula Schulz-Dornburg, A traves los territorios / Across the the territories, Ausst.-Kat., Institut Valencia DÁrt Modern (IVAM), Valencia 2002.
³ Meister Eckhart, Granum Sinapis, zitiert nach Werner Beierwaltes, Platonismus im Christentum, Frankfurt am Main 1998.
⁴ Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, Frankfurt am Main 1973, S. 115.
⁵ Yves Michaud, Formen des Schauens. Philosophie und Fotografie, in: Neue Geschichte der Fotografie, hrsg. von Michael Frizot, Köln 1998, S. 736.
⁶ Robert Lax, 21 pages / 21 Seiten, Zürich 1984, S. 35.

 

 

Auszug: Matthias Bärmann, in Ausstellungskatalog: Unaussprechlich Schön, Kunsthalle Erfurt 2003, S. 312 – 314
© Ursula Schulz-Dornburg