URSULA SCHULZ-DORNBURG
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Licht und Ort

 

 

Du wirst nicht wiederkehren. Denk dran, entfern dich nicht,
solang du unterwegs bist, von dem, was sich so einfach
lieben lässt: dieses Korn und dort das Haus.

Salvador Espriu¹

 

Nach zahlreichen Ausstellungen in Europa und den USA ist dies die erste umfassende Präsentation des Werks der deutschen Fotografin Ursula Schulz-Dornburg in Spanien. Die Ausstellung umfaßt 5 Serien, entstanden zwischen 1980 und 2001, die konkrete Orte zeigen, auf eine elementare und idealtypische Weise: die ineinandergreifenden Zyklen der Zeit, die sich in plastischen, stets in Verwandlung begriffenen Räumen aus Stein, Licht und Dunkel abbilden bei Sonnenstand und den Grenzlandschaften; die Horizontlinie zwischen Wasser und Himmel der Verschwundenen Landschaft des Tigris des alten Mesopotamien; die Exerzitien des Wartens bei den armenischen Bushaltestellen im Niemandsland (Transitorte); die in Dioramen eines St. Petersburger Museums nachgestellten arktischen Grenzsituationen (Erinnerungslandschaften).

Es sind schweigsame, auf das Wesentliche reduzierte Situationen, die sich aus einem inneren Kern-Raum der Leere, der Stille heraus entfalten. Schulz-Dornburgs fotografisches Werk bezieht sich insofern auf eine der bedeutendsten Entwicklungslinien der Moderne, als Raum hier nicht als statisches Volumen in Erscheinung tritt, sondern als dynamischer Prozeß, und Leere nicht als Mangel, vielmehr als Ereignishorizont, in dessen Kraftfeld sich beides, das Verschwinden wie auch das Erscheinen der Dinge abspielt: sie stehen im Licht ihrer Endlichkeit und Vergänglichkeit.

In Schulz-Dornburgs fotografischen Erzählungen überlagern einander lineare, zyklische und geflechtartige, vielfach gebrochene Strukturen. Der Bildraum formiert sich an der Schnittstelle zwischen den aufgesuchten Orten und Situationen und dem wahrnehmenden Bewußtsein. Die Landschaften sind subjektive wie objektive Landschaften, blitzartige Belichtungen von Zwischenzuständen. Beide Seiten haben ihre eigenen Geschichten, die sich unendlich ineinander spiegeln zu komplexen Topographien.

Inbegriff menschlicher Existenz auf dem Planeten Erde ist das Haus. Es ist “unser Winkel der Welt”, “unser erstes All”, “Nervenzentrum der Anthropo-Kosmologie”². Haus, so verstanden, ist die Meditationshöhle der Einsiedler im Transkaukasus ebenso wie die Kapelle am Jakobsweg in den Pyrenäen, das geflochtene Schilf-Haus-Boot in den Tigris-Marschen, das Zelt auf der driftenden arktischen Eisscholle oder die Bushaltestelle. In einer Welt der Ströme von Ein- und Auswanderung, im Aufruhr einer neuen nomadischen Mobilität ohnegleichen finden wir uns wieder als Analphabeten dessen, was der Philosoph Martin Heidegger als Wohnen beschrieben hat: “die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind”³, und das heißt für ihn ausdrücklich: als Sterbliche.

Schulz-Dornburg zeigt Bilder aus dieser Welt, indem sie Bilder aus allen Zeiten zeigt, und aus aller Zeit gefallen. Bilder von den Rändern der globalisierten Welt. Doch so, als könnten die Ränder alle Mitte sein, als wäre Mitte überall.

 

 Kosme de Barañano

 

¹ Aus dem Gedicht Llibre dels morts / Buch der Toten, in: S.E., Final del laberint / Ende des Labyrinths. Vervuert, Frankfurt am Main 1986 (katalanisch-deutsche Ausgabe), p. 94/95.

² Gaston Bachelard, La poétique de l'espace. P.U.F., Paris 1957 (deutsch; Poetik des Raumes. München 1975)

³ Martin Heidegger, Bauen Wohnen Denken, in: M.H., Vorträge und Aufsätze. Pfullingen 1954. p. 139-156.


Ausstellungskatalog: A través los Territorios / Across the territories / Fotografias / Photographs 1980-2002 / Instituto Valenciano de Arte Moderno / Valencia







© Ursula Schulz-Dornburg